Emotionsregulation · Tiefenpsychologie
„Ich weiß nicht, was ich fühle.“ Manchmal folgt: „Ich fühle einfach nichts.“ Manchmal das Gegenteil: „Alles ist zu viel, und ich kann es nicht sortieren.“
Beides beschreibt am Ende dasselbe Problem, nur von zwei Seiten aus betrachtet.
Vor mir sitzen dann junge Frauen, neunzehn, zwanzig Jahre alt, klug, reflektiert, aus geordneten Verhältnissen. Sie haben bereits vieles ausprobiert, um sich selbst zu verstehen: Bücher gelesen, Podcasts gehört, mit Freundinnen gesprochen. Und doch bleibt eine Lücke zwischen dem, was in ihnen vorgeht, und dem, was sie davon greifen können.
Diese Lücke hat selten mit fehlender Intelligenz oder mangelndem Willen zu tun. Sie hat fast immer mit einer frühen Entwicklungsaufgabe zu tun, die noch nicht ganz vollständig gelingen konnte: Emotionen wahrzunehmen, sie einzuordnen und sie selbst zu regulieren. Diese Fähigkeit ist niemandem angeboren. Sie entsteht in Beziehung, lange bevor ein Kind sie in Worte fassen kann.
Warum ein Säugling seine Gefühle nicht allein tragen kann
Ein Neugeborenes kommt mit der vollen Kapazität zur Welt, Gefühle zu erleben. Was noch fehlt, ist die Fähigkeit, sie zu regulieren. Hunger, Angst, Überforderung oder Wut treffen das Kind zunächst als unmittelbarer, körperlich spürbarer Zustand, ohne Namen, ohne Ordnung, ohne Aussicht auf ein Ende. Dafür ist das Kind vollständig auf seine engsten Bezugspersonen angewiesen.
Der britische Psychoanalytiker Wilfred Bion hat für diesen Vorgang ein Bild geprägt, das bis heute trägt: das Containing. Gemeint ist damit kein Behälter, der Gefühle festhält oder verschwinden lässt. Die Bezugsperson nimmt die oft überwältigenden Zustände des Kindes zunächst in sich selbst auf, versucht sie innerlich zu verstehen und gibt sie dem Kind in einer Form zurück, die allmählich verstehbar und erträglich wird.
Wenn ein Kind verzweifelt weint und eine ruhige Stimme sagt, „du hast dich erschrocken, komm, ich bin da“, geschieht mehr als ein tröstender Moment. Das Gefühl wird nicht wegerklärt. Es wird aufgenommen, benannt und mit einer beruhigenden Beziehungserfahrung verknüpft. Genau darin liegt der Anfang von allem, was später als emotionale Selbstregulation bezeichnet wird.
Die Rolle der Spiegelung nach Fonagy
Der Psychoanalytiker und Bindungsforscher Peter Fonagy hat Bions Konzept um einen entscheidenden Baustein erweitert: die Mentalisierung. Damit ist die Fähigkeit gemeint, eigene und fremde mentale Zustände zu erkennen und zu verstehen, Gefühle, Absichten, Bedürfnisse. Ein Kind entwickelt diese Fähigkeit, indem es sich im mentalisierenden Blick seiner Bezugsperson gespiegelt sieht. Die Mutter oder der Vater zeigt dem Kind gewissermaßen sein eigenes Inneres, markiert und verständlich gemacht.
Fehlt diese Spiegelung über längere Zeit, weil Eltern selbst überfordert, abwesend oder emotional schwer erreichbar sind, bleibt beim Kind eine Lücke zurück. Nicht, weil die Gefühle fehlen. Sie sind da, oft in voller Stärke. Was fehlt, ist die innere Landkarte, um sie zu lesen. Manche jungen Menschen lernen früh, ihre Zustände abzuspalten oder zu betäuben. Andere werden von ihnen überflutet, ohne je gelernt zu haben, sich selbst zu beruhigen.
In meiner Arbeit mit jungen Frauen begegnet mir dieses Muster in unterschiedlichen Bildern. Manche berichten von einem diffusen inneren Druck, ohne benennen zu können, worum es eigentlich geht. Andere funktionieren nach außen makellos und merken erst im Gespräch, wie fremd ihnen ihr eigenes Erleben geworden ist. Wieder andere kommen mit Symptomen wie Ängsten, depressiven Verstimmungen oder Essstörungen, hinter denen sich, bei genauerem Hinsehen, dieselbe Grundfrage verbirgt: Wie reguliere ich, was in mir vorgeht?
Was in der Therapie nachreift
Die gute Nachricht liegt in der Natur des Containing selbst. Was ursprünglich zwischen zwei Menschen entstanden ist, kann später zwischen zwei anderen Menschen nachreifen. In einer therapeutischen Beziehung entsteht genau dieser Raum neu: Ein Gegenüber, das die eigenen Zustände aushält, ohne davon überwältigt zu werden. Das benennt, was noch namenlos ist. Das nicht wegregelt, sondern mitreguliert, bis die Fähigkeit zur eigenen wird.
„Ich habe lange gedacht, mit mir stimmt etwas nicht, weil ich nie genau sagen konnte, wie es mir geht. Erst als meine Therapeutin das für mich in Worte gefasst hat, habe ich gemerkt: Es war nicht weg. Ich hatte nur nie gelernt, es zu benennen.“
Klientin, 20 Jahre, aus der Einzeltherapie
Dieser Prozess braucht Zeit. Er lässt sich nicht abkürzen, weil er auf Wiederholung angewiesen ist, so wie die ursprüngliche Beziehungserfahrung auch nicht aus einem einzigen Moment bestand, sondern aus tausenden kleinen.
Häufige Missverständnisse
„Wenn ich als Erwachsene meine Gefühle nicht kenne, muss in meiner Kindheit etwas falsch gelaufen sein.“ Das greift zu kurz. Containing gelingt nie vollständig und muss es auch nicht. Kleine Lücken sind normal und werden über andere Beziehungen im Leben oft mitausgeglichen. Erst wenn diese Lücke durchgängig und über viele Lebensbereiche spürbar wird, lohnt sich ein genauerer Blick.
„Ich müsste doch inzwischen selbst wissen, was ich fühle.“ Diese Erwartung setzt voraus, dass Emotionsregulation ein reines Willensthema ist. Sie ist es nicht. Sie ist eine erlernte Fähigkeit, die auf früher Beziehungserfahrung aufbaut. Wo diese Erfahrung gefehlt hat, lässt sich die Fähigkeit später nachlernen, aber nicht durch Vorsatz allein.
„Therapie bedeutet, dass ich schwer gestört bin.“ Das Gegenteil ist häufiger der Fall. Viele junge Frauen, die zu mir kommen, sind reflektiert, leistungsfähig und in stabilen Verhältnissen aufgewachsen. Genau diese Fähigkeit zur Selbstbeobachtung macht oft erst sichtbar, dass etwas fehlt, das andere nie vermisst haben.
Wann eine Psychotherapie sinnvoll ist
Nicht jede Unsicherheit im eigenen Fühlen ist ein Behandlungsanlass. Wenn Sie sich in einigen der folgenden Punkte wiedererkennen, kann eine Psychotherapie dennoch hilfreich sein.
- Sie können häufig nicht benennen, was Sie gerade fühlen, obwohl innerlich spürbar etwas los ist.
- Gefühle kommen entweder gar nicht oder in überwältigender Stärke, ein Mittelmaß fehlt.
- Sie funktionieren nach außen gut, fühlen sich innerlich aber zunehmend fremd oder leer.
- Es bestehen Symptome wie Ängste, depressive Verstimmungen, Essstörungen oder anhaltende innere Anspannung.
- Sie haben das Gefühl, sich selbst erklären zu müssen, statt sich selbst zu verstehen.
- Der Wunsch, sich selbst klarer zu spüren, begleitet Sie schon länger, ohne dass sich etwas verändert.
In meiner Praxis biete ich jungen Frauen zwischen 17 und 20 Jahren tiefenpsychologisch fundierte Einzeltherapie an. Es geht dabei nicht darum, Gefühle zu reparieren. Es geht darum, sie überhaupt erst kennenzulernen.
Quellen
- Bion, W. R. (1962). Learning from Experience. London: Heinemann.
- Fonagy, P., Gergely, G., Jurist, E. L. & Target, M. (2002). Affect Regulation, Mentalization, and the Development of the Self. New York: Other Press.