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Das erste Vertrauen: Wie sichere Bindung entsteht und ein Leben lang nachwirkt

Bindung · Feinfühligkeit

Es gibt einen Moment, den fast jede Mutter kennt. Das Baby weint, und noch bevor man versteht warum, ist man schon aufgestanden.

Etwas in einem reagiert, bevor der Verstand sich überhaupt eingeschaltet hat. Das ist der Beginn einer Beziehung, die dem Kind zeigt, wie die Welt beschaffen ist. Ob sie trägt und sicher ist. Ob ich mich zeigen darf mit meinen Bedürfnissen und Gefühlen. Ob ich Zuwendung bekomme, wenn ich sie brauche.

Bindung ist nicht dasselbe wie Liebe. Man kann jemanden lieben und trotzdem kann derjenige emotional schwer erreichbar sein. Bindung entsteht im Tun, in den unzähligen kleinen Momenten des Alltags, in denen ein Kind ein Signal sendet und auf eine Antwort hofft. Die Reaktionen der Hauptbezugsperson auf Bedürfnisse wie Hunger, Körperkontakt, Sicherheit, Ruhe, Liebe entscheiden darüber, ob ein Kind sich angenommen und geborgen fühlt. Und jedes Mal die Frage, die kein Kind in Worte fassen kann, aber mit seinem ganzen Körper stellt: Bin ich hier erwünscht? Werde ich gesehen? Werden meine Bedürfnisse befriedigt?

John Bowlby hat in den 1950er Jahren formuliert, was vielen Eltern intuitiv klar war, aber wissenschaftlich noch nicht belegt: Kinder kommen mit einem biologischen Bedürfnis nach Nähe zur Welt, das ebenso überlebenswichtig ist wie Nahrung. Mary Ainsworth hat dieses Konzept später präzisiert und untersucht, was genau eine Bezugsperson tun muss, damit aus diesem Bedürfnis Sicherheit wird.

Feinfühligkeit als Herzstück sicherer Bindung

Was Kinder brauchen, ist keine perfekte Mutter. Donald Winnicott hat dafür einen Begriff geprägt, der bis heute trägt: die „good enough mother“, die ausreichend gute Mutter. Eine Frau, die nicht alles richtig macht, aber emotional präsent ist. Die merkt, wenn sie etwas verpasst hat, und sich korrigiert.

„Was Kinder brauchen, ist keine perfekte Mutter — sondern die ausreichend gute.“

frei nach Donald W. Winnicott (1953)

Die moderne Psychologie nennt diese Fähigkeit das Prinzip der Feinfühligkeit. Gemeint ist, die Signale des Kindes wahrzunehmen, ohne sie zu grob, überwältigend oder dominierend zu beantworten, sondern sie richtig zu deuten und prompt genug zu antworten, und zwar auf eine feinfühlige Art, sodass aus einem unzufriedenen oder schreienden Baby ein zufrieden dreinschauender Säugling wird. An der Körpersprache, Ruhe oder Unruhe, und vor allem an der Mimik lässt sich gut ablesen, ob man das Bedürfnis des Kindes gerade auf gute Weise ausreichend gut befriedigt hat oder noch nicht.

Aus dieser wiederholten, verlässlichen Erfahrung entsteht das, was man sichere Bindung nennt. Kein theoretisches Konstrukt, sondern ein eher körperliches Wissen. Ein Grundton, der dem Kind sagt: Die Welt ist im Kern sicher und gut, die Menschen um mich herum sind erreichbar und feinfühlig, und ich bin es wert, dass jemand kommt.

Was ein Kind eigentlich braucht

Schaut man genau hin, ist das, was ein Kind von seiner Bezugsperson erwartet, kein einzelnes Bedürfnis, sondern ein ganzes Geflecht von Bedürfnissen verbunden mit Gefühlen. Nähe, die nicht erst erkämpft werden muss. Sicherheit, die einfach da ist, ohne Bedingung. Liebe, die nicht an Leistung geknüpft ist. Geborgenheit, in der der kindliche Körper überhaupt erst zur Ruhe kommen kann. Daniel Stern hat diese frühen Austauschmomente zwischen Mutter und Kind als affektive Abstimmung beschrieben, jenes feine Resonieren, durch das ein Kind lernt, dass seine inneren Zustände von außen wahrgenommen werden, sein dürfen und reguliert werden.

Dazu kommt etwas, das auf den ersten Blick weniger zärtlich wirkt, aber genauso zur Bindung gehört. Unterstützung, wenn das Kind nicht weiterweiß. Halt, wenn der Boden unter ihm wegzubrechen scheint. Schutz, wenn die Welt zu viel wird. Und Grenzen, die nicht als Einschränkung gemeint sind, sondern als Form, die Sicherheit gibt. Ein Kind, das keine Grenzen kennt, ist nicht freier. Es ist orientierungsloser. Grenzen sagen dem Kind, dass jemand anderes die Verantwortung trägt, damit es das selbst noch nicht muss.

Feinfühlige Achtsamkeit bedeutet, all das gleichzeitig im Blick zu behalten. Zu wissen, wann ein Kind Nähe braucht und wann es Freiraum braucht. Wann es Trost sucht und wann es eine klare Grenze braucht, weil die eigene Erregung es überfordert. Keine Checkliste, sondern eine Haltung, in die Eltern reinwachsen, sofern sie selbst sicher gebunden sind.

Die Sprache vor der Sprache

Lange bevor ein Kind sprechen kann, kommuniziert es bereits. Über seinen Körper, seine Mimik, seine Bewegung, sein Schreien, sein Verstummen. Eine aufmerksame Bezugsperson lernt diese Sprache zu lesen, nicht durch Lehrbücher, sondern durch tausendfaches Wiederholen, durch Versuch und Irrtum, durch das geduldige Studium des eigenen Kindes.

Da ist der angespannte Körper, der sich nicht setzen lässt, oft ein Zeichen von Überreizung und nicht von Trotz. Der Blick, der sucht und nicht findet, ein Hinweis darauf, dass gerade Sicherheit fehlt. Das plötzliche Verstummen eines sonst lebhaften Kindes, häufig kein Zufall, sondern ein Rückzug, weil etwas zu viel geworden ist. Und das Weinen, das sich verändert: Das hohe, drängende Weinen eines akuten Bedürfnisses unterscheidet sich, mit etwas Übung, deutlich vom erschöpften, abklingenden Weinen eines Kindes, das vor allem eines braucht, nämlich Körperkontakt und gehaltenwerden, ohne dass etwas von ihm verlangt wird.

Allan Schore hat gezeigt, wie sehr diese frühen Resonanzerfahrungen tatsächlich die Reifung des kindlichen Gehirns prägen, besonders jener Areale, die für emotionale Regulation zuständig sind. Was im Säuglingsalter zwischen zwei Körpern geschieht, hinterlässt also nicht nur ein Selbstgefühl, sondern die prägendste Bindungserfahrung, eine Vorahnung wie Beziehung geht — und damit auch eine neurobiologische Spur.

Was daraus wird

Sicher gebundene Kinder wirken paradoxerweise oft gar nicht auffällig. Sie spielen, sie erkunden, sie entfernen sich von der Bezugsperson. Aber sie kommen zurück. Und wenn etwas sie erschreckt, suchen sie Nähe, ohne zu zweifeln, dass sie willkommen sind. Sie dürfen wütend sein, ohne Angst, die Beziehung zu verlieren. Sie dürfen weinen, ohne sich dafür zu schämen. Das klingt selbstverständlich. Ist es aber nicht.

Was in diesen frühen Jahren entsteht, ist kein Charakter und kein Schicksal, sondern das, was Bowlby ein inneres Arbeitsmodell von Bindung nannte. Eine stille Überzeugung darüber, wie Beziehungen funktionieren. Ob man vertrauen darf. Ob Nähe sicher ist. Ob der eigene Schmerz Platz hat, oder ob man lernt, ihn besser zu verdrängen.

Dieses Modell reist immer mit, in Kita und Schule, in die erste Freundschaft, in die erste Liebe. Es beeinflusst, wie nah man jemanden an sich heranlässt, wie man mit Verlust umgeht, ob man in Konflikten bleibt oder flieht, ob man Hilfe annehmen kann oder lieber alles allein trägt, weil man früh gelernt hat, dass Bedürftigkeit nicht willkommen ist.

Junge Frauen, die mit einer Essstörung in meine Praxis kommen, haben oft keine Worte für das, was in ihnen vorgeht, aber ihr Körper hat eine eigene Sprache gefunden. Die Kontrolle über das Essen, die Macht, der Perfektionismus sind nicht selten der Versuch, sich selbst zu regulieren, weil nie wirklich gelernt wurde, dass man das auch gemeinsam mit jemandem darf. Dass man sich zeigen kann, ohne sich zu verlieren. Dass Nähe nicht gefährlich sein muss.

Das ist kein Vorwurf an Eltern. Es ist eine Erklärung, wie früh sich solche Muster anlegen, lange bevor jemand sie bewusst wählen könnte.

Was Therapie leisten kann

In der Bindungsforschung gibt es einen Begriff, der Eltern Hoffnung macht: earned security, erworbene Sicherheit. Peter Fonagy und seine Kollegen haben in Untersuchungen gezeigt, dass Menschen, die keine sichere Bindung in der Kindheit erfahren haben, durch eine spätere bedeutsame Beziehung, etwa durch Therapie, ein erhebliches Stück Sicherheit nachholen können. Therapeuten sprechen diesbezüglich auch von „nachbeeltert werden“: sichere Bindungserfahrungen machen und dadurch nachreifen.

Fonagys Konzept der Mentalisierung erklärt, wie das im Therapieraum konkret geschieht. Mentalisieren meint die Fähigkeit, eigene und fremde innere Zustände zu erkennen und zu verstehen, eine Fähigkeit, die genau dort beschädigt wird, wo frühe Bindung nicht ausreichend feinfühlig war. In der tiefenpsychologischen Arbeit erlebt der Patient wieder und wieder, dass seine inneren Zustände von der Therapeutin wahrgenommen und stimmig gespiegelt werden, oft zum ersten Mal verlässlich in seinem Leben. Genau diese wiederholte Erfahrung ist es, durch die sich das Nervensystem allmählich beruhigt.

Was in einer guten Therapie entsteht, ist keine Wiedergutmachung der Vergangenheit, sondern eine neue Erfahrung im Hier und Jetzt: Eine Beziehung, die verlässlich ist. Die Grenzen kennt und trotzdem zugewandt bleibt. Die aushält, was vorher niemand ausgehalten hat. Und die dem Nervensystem langsam beibringt, dass es sicher ist, hier zu sein. Die sichere Bindung lässt sich quasi nachholen. Es braucht Zeit.

Wie Eltern lernen sichere Bindungsangebote zu machen

Genau dieses Wissen und diese Fähigkeiten gebe ich in meinen Coachings an Eltern weiter. In sechs aufeinander aufbauenden Schritten arbeiten wir gemeinsam daran, dass Mütter und Väter erlernen, die Signale ihres Kindes präziser zu lesen, die eigene Geschichte von der ihres Kindes zu unterscheiden, um im Alltag genau jene Feinfühligkeit anzubieten, die sichere Bindung entstehen lässt. Ziel ist, dass die Eltern selbst ihrem Teenager immer wieder sichere Bindung anbieten können.

Der Psychotherapieforscher Klaus Grawe hat vier Grundbedürfnisse beschrieben, die uns ein Leben lang antreiben: Bindung, Orientierung und Kontrolle, Selbstwerterhöhung sowie Lustgewinn und Unlustvermeidung. Bei einer Neunzehnjährigen, die plötzlich wortkarg wird und sich in ihr Zimmer zurückzieht, zeigt sich oft genau dieses Geflecht. Das Bedürfnis nach Bindung sucht sie woanders, bei Freundinnen, online, nicht mehr bei den Eltern, und genau das verunsichert viele Mütter. Das Bedürfnis nach Orientierung und Kontrolle äußert sich in der wachsenden Forderung nach eigenen Entscheidungen, selbst wenn diese aus Elternsicht riskant wirken. Selbstwerterhöhung zeigt sich in der Empfindlichkeit gegenüber jeder Form von Kritik, die sich wie ein Angriff auf die ganze Person anfühlt. Und Lustgewinn beziehungsweise Unlustvermeidung erklärt, warum manche junge Frauen sich lieber zurückziehen, als ein unangenehmes Gespräch auszuhalten.

Eltern, die diese Bedürfnisse erkennen lernen, hören auf, das Verhalten ihres Kindes persönlich zu nehmen, und beginnen stattdessen zu verstehen, was dahinter eigentlich gesucht wird. Genau das vermittle ich im Elterncoaching. Die Eltern-Kind-Bindung stärken, wo sie jeden Tag neu entstehen kann: am Küchentisch, im Streit, im kurzen Gespräch zwischen Tür und Angel, beim Gutenachtsagen.

Quellen

  • Bowlby, J. (1969). Attachment and Loss, Vol. 1: Attachment. New York: Basic Books.
  • Ainsworth, M. D. S., Blehar, M. C., Waters, E. & Wall, S. (1978). Patterns of Attachment: A Psychological Study of the Strange Situation. Hillsdale, NJ: Lawrence Erlbaum Associates.
  • Winnicott, D. W. (1953). Transitional objects and transitional phenomena. International Journal of Psycho-Analysis, 34, 89–97.
  • Stern, D. N. (1985). The Interpersonal World of the Infant: A View from Psychoanalysis and Developmental Psychology. New York: Basic Books.
  • Schore, A. N. (2001). Effects of a secure attachment relationship on right brain development, affect regulation, and infant mental health. Infant Mental Health Journal, 22(1–2), 7–66.
  • Fonagy, P., Steele, M., Steele, H., Moran, G. S. & Higgitt, A. C. (1991). The capacity for understanding mental states: The reflective self in parent and child and its significance for security of attachment. Infant Mental Health Journal, 12(3), 201–218.
  • Fonagy, P., Gergely, G., Jurist, E. L. & Target, M. (2002). Affect Regulation, Mentalization, and the Development of the Self. New York: Other Press.
  • Grawe, K. (1998). Psychologische Therapie. Göttingen: Hogrefe.

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Grit Kirchner
Psychotherapie & Elterncoaching
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Tel.: +49 152 0135 4963 (Mittwoch 13:00 – 14:45 Uhr)
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