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Auch Eltern kennen das: Wenn Sie selbst nicht wissen, was Sie gerade fühlen

Elterncoaching · Emotionsregulation

In meinem letzten Blog-Artikel habe ich beschrieben, warum viele junge Menschen ihre eigenen Gefühle kaum lesen können. Was ich in Coachinggesprächen mit Eltern immer wieder erlebe, ist die andere Seite derselben Geschichte.

„Ich habe solche Angst um mein Kind. Und gleichzeitig so eine Wut.“ Diesen Satz höre ich in Variationen ständig, wenn Eltern von Momenten der Eskalation berichten. Beide Gefühle sind da, gleichzeitig, ungeordnet. Angst um das eigene Kind und Wut auf das eigene Kind schließen sich nicht aus, auch wenn sich das für viele Eltern zutiefst falsch anfühlt. Ich frage dann oft, welches der beiden Gefühle im Moment der Eskalation eigentlich zuerst da war. Die meisten können es nicht sagen. Es war einfach zu viel auf einmal.

Dieses Phänomen kommt in meinen Coachings häufiger vor, als man denken würde. Eltern kommen, weil sie ihrem Kind helfen wollen, präsent und ruhig zu bleiben, wenn es schwierig wird. Und stoßen dabei auf etwas Unerwartetes: Sie selbst haben nie richtig gelernt, ihre eigenen Zustände zu lesen und zu regulieren.

Warum Sie nicht geben können, was Sie selbst nie bekommen haben

Emotionsregulation entsteht, wie ich in meinem letzten Beitrag beschrieben habe, nicht von allein. Sie entsteht in der Kindheit zwischen einem Kind und seinen Bezugspersonen, durch das, was der Psychoanalytiker Wilfred Bion Containing genannt hat: Ein Erwachsener nimmt das überwältigende Gefühl des Kindes auf, versteht es und gibt es in erträglicher Form zurück. Wo dieser Prozess bei Ihnen selbst als Kind nicht ausreichend stattgefunden hat, wurde daraus keine Charakterschwäche. Es wurde eine Lücke in der eigenen inneren Landkarte.

Diese Lücke fällt im Alltag oft nicht auf. Viele der Eltern, die zu mir kommen, sind erfolgreich im Beruf, gut organisiert, sozial eingebunden. Erst wenn das eigene Kind emotional stürmt oder resigniert, zeigt sich, wie wenig Zugang man zum eigenen inneren Zustand hat. Das Kind bringt unbewusst eine Anforderung mit, die viele Erwachsene selbst nie erfüllt bekommen haben: Halt mich, ohne selbst zu kippen.

Warum das für Ihr Kind so entscheidend ist

Ich habe in einem früheren Artikel über die Neue Elternpräsenz nach Haim Omer beschrieben, wie wichtig es ist, dass Eltern zum Anker werden, statt mit jeder Welle mitzugehen. Was dort als Haltung beschrieben ist, hat hier seine psychologische Grundlage. Ein Anker zu sein setzt voraus, die eigene innere Bewegung überhaupt wahrzunehmen. Wer den eigenen Zustand nicht kennt, kann ihn auch nicht regulieren, und wird fast automatisch von der Eskalation des Kindes mitgerissen.

Aus tiefenpsychologischer Sicht ist das keine Frage von gutem oder schlechtem Elternsein. Es ist eine Frage der eigenen Entwicklungsgeschichte, die sich in der eigenen Elternschaft unweigerlich wieder zeigt. Die Konfrontation mit dem eigenen Kind wird für viele Erwachsene zur ersten echten Gelegenheit, die eigene emotionale Landkarte nachträglich zu vervollständigen.

In der Praxis erlebe ich dabei häufig eine Überraschung. Eltern kommen mit der Frage, wie sie ihr Kind besser verstehen können, und stellen im Coaching fest, dass der wirksamste Hebel nicht beim Kind liegt, sondern bei der eigenen Fähigkeit, ruhig zu bleiben.

„Ich dachte, ich müsste lernen, besser mit meiner Tochter zu reden. Tatsächlich musste ich zuerst lernen, mit mir selbst klarzukommen, wenn sie explodiert. Erst danach konnte ich für sie da sein, ohne selbst wegzukippen.“

Klientin, aus dem Elterncoaching

Häufige Irrtümer

„Wenn ich meine eigenen Gefühle nicht sofort kenne, bin ich als Elternteil ungeeignet.“ Das ist eine harte, unnötige Bewertung. Die meisten Erwachsenen haben nie gelernt, ihre inneren Zustände analytisch zu beobachten. Diese Fähigkeit lässt sich nachholen, unabhängig vom Alter.

„Meine Gefühle sind hier nicht das Thema, es geht doch um mein Kind.“ In der Eltern-Kind-Dynamik lassen sich beide Seiten selten klar trennen. Die Chance liegt in der Selbstregulation. Wer im Sturm selbst ruhig wird, verändert die gesamte Interaktion, oft schneller und nachhaltiger als jede auswendig gelernte Methode.

„Ich müsste das doch allein hinbekommen, immerhin bin ich die erwachsene Person.“ Erwachsensein bedeutet nicht automatisch emotionale Selbstständigkeit. Auch Erwachsene brauchen ein Gegenüber, das hilft, das eigene Erleben zu ordnen, so wie sie es einst als Kind gebraucht hätten.

Wann ein Elterncoaching sinnvoll ist

Nicht jede schwierige Phase mit Ihrem Kind erfordert professionelle Begleitung. Wenn Sie sich in einigen der folgenden Punkte wiedererkennen, kann ein Elterncoaching dennoch entlastend sein.

  • Sie merken, dass Sie in Konflikten mit Ihrem Kind schneller eskalieren, als Sie es sich wünschen.
  • Nach einem Streit können Sie oft nicht genau sagen, was Sie eigentlich gefühlt haben.
  • Sie funktionieren im Konflikt, statt bewusst innezuhalten.
  • Sie möchten für Ihr Kind ruhiger und präsenter sein, wissen aber nicht, wo Sie ansetzen sollen.
  • Alte eigene Gefühlsmuster aus Ihrer Kindheit tauchen im Umgang mit Ihrem Kind spürbar wieder auf.
  • Sie fühlen sich in belastenden Momenten mit sich selbst allein gelassen.
  • Sie werden von Angst- und Panikgefühlen überflutet, weil Ihr Kind depressiv ist.

In meiner Praxis begleite ich Eltern im Rahmen eines Coachings auf Grundlage der Neuen Elternpräsenz. Es geht dabei nicht nur um den Umgang mit dem Kind. Es geht zuerst um Sie selbst, denn nur wer die eigenen Gefühle kennt, kann seinem Kind ein verlässlicher Anker sein.

Quellen

  • Bion, W. R. (1962). Learning from Experience. London: Heinemann.
  • Omer, H. & Schlippe, A. von (2010). Stärke statt Macht: Neue Autorität in Familie, Schule und Gemeinde. Vandenhoeck & Ruprecht.

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Grit Kirchner
Psychotherapie & Elterncoaching
Tengstraße 35, 80796 München
Tel.: +49 152 0135 4963 (Mittwoch 13:00 – 14:45 Uhr)
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