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Wenn nichts mehr greift: Was Eltern noch tun können

Elterncoaching · Neue Elternpräsenz

Für Eltern, deren Kind zwischen 17 und 20 jede Hilfe ablehnt und trotzdem leidet.

Sie haben alles versucht. Gespräche gesucht, Therapeuten organisiert, Klinikaufenthalte begleitet. Und jetzt sitzt Ihre Tochter Ihnen gegenüber und macht dicht. Sie will keine Therapie mehr, keine Hilfe, kein Gespräch. Und trotzdem sehen Sie, dass es ihr nicht gut geht. Die Essstörung ist noch im Kopf. Die Depression ist milder geworden, liegt aber wie eine Folie über ihrem Alltag.

Was jetzt? Drohen? Schweigen? Kapitulieren? Viele Eltern fühlen in dieser Phase, dass ihnen die Handlungsfähigkeit vollständig entglitten ist.

Das stimmt nicht. Aber es erfordert ein grundlegendes Umdenken darüber, was elterliche Wirksamkeit in dieser Lebensphase bedeutet.

Warum klassische Elternstrategien jetzt nicht mehr funktionieren

Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 17 und 20 befinden sich in einer paradoxen Entwicklungsphase: Sie kämpfen um Autonomie und brauchen gleichzeitig Halt. Wer jetzt mit Kontrolle, Druck oder Ultimaten reagiert, erzeugt genau das Gegenteil. Druck erzeugt Gegendruck, Kontrolle erzeugt Rückzug. Und wer die Tochter zu einer Therapie überreden möchte, die sie ablehnt, verliert oft das Letzte, was geblieben ist: den Kontakt.

„Ich habe alles probiert. Bitten, drohen, weinen. Irgendwann habe ich gemerkt: Je mehr ich kämpfe, desto mehr verschwindet sie.“

Mutter einer 18-jährigen Patientin, aus dem Elterncoaching

Der Psychologe Haim Omer hat für genau diese Situation ein Konzept entwickelt, das mittlerweile in der systemischen Familienarbeit weltweit eingesetzt wird: Neue Elternpräsenz. Es ist kein klassisches Erziehungsmodell, eher eine Haltung.

Was Neue Elternpräsenz bedeutet und was nicht

Neue Elternpräsenz bedeutet nicht, das Verhalten des Kindes zu kontrollieren oder bedingungslos alles hinzunehmen. Sie bedeutet auch nicht, sich zurückzuziehen, um Konflikten aus dem Weg zu gehen. Sie meint vielmehr, präsent und sichtbar zu bleiben, ohne Eskalation und ohne Rückzug.

Omer beschreibt Elternpräsenz als die Entschlossenheit, im Leben des Kindes zu bleiben, auch wenn es das ablehnt, auch wenn es schmerzt und keine schnelle Lösung in Sicht ist. Diese Präsenz ist nicht laut und nicht fordernd, aber sie ist unübersehbar und spürbar.

Konkret: Was können Eltern jetzt tun?

Stellen wir uns vor: Lisa, 19, war in einer Klinik wegen Essstörung und Selbstverletzung. Seitdem lehnt sie jede weitere Therapie ab. Sie lebt zuhause, zieht sich zurück, macht, was sie will. Die Eltern fühlen sich ohnmächtig.

Nach dem Modell der Neuen Elternpräsenz würde die Arbeit mit diesen Eltern folgende Schritte umfassen:

  1. Präsenz zeigen, ohne Forderung Lisas Eltern klopfen jeden Abend kurz an. Nicht um zu reden oder zu kontrollieren, einfach um da zu sein. „Wir sind hier“, das ist die Botschaft. Präsenz ersetzt Druck.
  2. Deeskalation als aktive Entscheidung Wenn Lisa provoziert oder angreift, reagieren die Eltern nicht sofort. Sie lassen sich weder auf Streit ein, noch ziehen sie sich zurück. Omer nennt das die Kunst der Selbststeuerung, und sie ist erlernbar.
  3. Unterstützernetzwerk aufbauen Omers Konzept des „unterstützenden Netzwerks“ bedeutet: Tante, Cousine, eine Lehrerin werden einbezogen. Nicht um Druck zu machen, sondern um die Botschaft zu verbreiten: Du wirst nicht aufgegeben.
  4. Die Ankündigung, klar und ohne Drohung Die Eltern schreiben Lisa einen kurzen Brief: „Wir machen uns Sorgen. Wir werden nicht wegsehen. Wir lieben dich, und wir bleiben.“ Das ist keine Forderung und kein Ultimatum, sondern eine Ankündigung von Präsenz.
  5. Wiedergutmachung statt Strafe Wenn ein Konflikt eskaliert ist, suchen die Eltern die Wiedergutmachung, nicht Lisa. Das verändert die Dynamik. Eltern, die zuerst auf die Tochter zugehen, signalisieren: Die Beziehung ist wichtiger als das letzte Wort.
  6. Wachsame Sorge, nicht Kontrolle Bei ernsthaften Symptomen wie Selbstverletzung gilt: Eltern schauen hin. Sie thematisieren es ruhig und direkt. „Ich habe die Narben gesehen. Ich sage das nicht, um dich zu beschämen. Ich sage es, weil du mir wichtig bist.“ Das ist kein Eingriff, sondern Präsenz.

Was, wenn Lisa keine Therapie will, aber Hilfe braucht?

Hier kommt ein weiterer Baustein ins Spiel: die lösungsfokussierte Haltung nach Steve de Shazer. De Shazer hat gezeigt, dass Veränderung nicht immer über das Problem führen muss. Statt zu fragen „Warum tust du das?“, lautet die Frage „Was funktioniert schon, wenn auch nur ein bisschen?“

„Gibt es Abende, an denen es dir ein kleines bisschen besser geht als an anderen? Was ist da anders?“

Lösungsfokussierte Frage aus dem systemischen Kontext (de Shazer, 1985)

Eltern, die diese Haltung übernehmen, hören auf, Probleme zu suchen, und beginnen, Ressourcen zu sehen. Das entlastet die Beziehung erheblich.

Wo der Einfluss der Eltern endet und was dann hilft

Eltern können ihre Tochter nicht heilen, und sie können sie nicht zur Therapie zwingen. Das klingt hart, ist aber wahr. Und es macht etwas deutlich: Die Aufgabe der Eltern ist nicht, die Essstörung zu besiegen, sondern die Beziehung zu erhalten. Präsent und sichtbar zu bleiben und damit den Boden zu bereiten, auf dem Veränderung irgendwann möglich wird.

Wenn Lisa sich eines Tages doch wieder Hilfe sucht, soll sie wissen: Die Tür ist offen. Oft geschieht das unerwartet, nach Monaten des Schweigens.

„Ich hätte nie gedacht, dass sich nach fünf Monaten Elterncoaching überhaupt noch etwas bewegt. Und dann hat meine Tochter, ohne Druck, einfach so, selbst um einen Therapieplatz gebeten. Heute, nach dem Schulwechsel, ist vieles anders. Wir streiten noch, aber wir reden auch wieder miteinander. Das hätte ich vor einem Jahr nicht für möglich gehalten.“

Mutter einer 20-Jährigen, nach Abschluss des Elterncoachings

Wann professionelles Elterncoaching sinnvoll ist

Das Elterncoaching auf Basis Neuer Elternpräsenz ersetzt nicht die Behandlung der Tochter. Es ist eine eigenständige Begleitung für die Eltern, für Menschen, die handlungsfähig bleiben möchten, ohne zu eskalieren, aufzugeben oder sich selbst zu verlieren.

„Das Elterncoaching hat mir nicht gegeben, was ich ursprünglich erhofft hatte, eine Lösung für meine Tochter. Aber es hat mir gegeben, was ich gebraucht habe: das Gefühl, dass ich trotzdem etwas tun kann.“

— Vater einer 20-Jährigen, nach sechs Sitzungen Elterncoaching

Quellen

  • Omer, H. & Schlippe, A. von (2010). Stärke statt Macht: Neue Autorität in Familie, Schule und Gemeinde. Vandenhoeck & Ruprecht.
  • Omer, H. & Streit, P. (2016). Neue Autorität: Das Geheimnis starker Eltern. Vandenhoeck & Ruprecht.
  • Omer, H. (2016). Wachsame Sorge: Wie Eltern ihren Kindern Halt geben können. Vandenhoeck & Ruprecht.
  • de Shazer, S. (1985). Keys to Solution in Brief Therapy. W. W. Norton.
  • de Shazer, S. & Dolan, Y. (2007). More Than Miracles: The State of the Art of Solution-Focused Brief Therapy. Haworth Press.

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Grit Kirchner
Psychotherapie & Elterncoaching
Tengstraße 35, 80796 München
Tel.: +49 152 0135 4963 (Mittwoch 13:00 – 14:45 Uhr)
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