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Die dritte Präsenz im Leben eines Kindes: Die Beziehung zwischen Mutter und Vater

Elternbeziehung · Bindung

Es gibt etwas, das einen Menschen oft ein Leben lang begleitet und sich doch schwer in Worte fassen lässt: die Grundstimmung seiner Kindheit.

Was bleibt, ist selten die Erinnerung an einen einzelnen besonderen Tag oder der genaue Wortlaut eines Gesprächs von vor vielen Jahren. Was bleibt, ist etwas Tieferes: eine Erfahrung davon, wie sich Zuhause angefühlt hat. War da Wärme und Zugewandtheit, das Gefühl, mit den eigenen Gefühlen willkommen zu sein? Oder lag häufig eine Spannung in der Luft, eine Unsicherheit, das Gefühl, vorsichtig sein zu müssen?

Menschen tragen diese frühe Atmosphäre oft weiter in sich, nicht als bewusste Erinnerung, sondern als inneres Wissen darüber, wie Nähe funktioniert, wie Beziehungen sich anfühlen und welchen Platz sie selbst darin haben. Denn Kinder wachsen nicht nur mit ihren Eltern auf. Sie wachsen auch in der Beziehung ihrer Eltern auf. Ein Kind hat nicht nur eine Beziehung zur Mutter und eine Beziehung zum Vater. Es hat auch eine dritte Beziehung: die Beziehung zwischen Mutter und Vater.

Diese dritte Präsenz ist im Alltag ständig da. Sie liegt in einem Blick zwischen zwei Menschen, in der Art, wie miteinander gesprochen wird, in der Wärme einer Berührung, aber auch in Abwertung, Kälte oder einer Spannung, die niemand ausspricht und die dennoch den ganzen Raum erfüllt. Kinder hören dabei nicht nur Worte. Sie lesen Beziehungen, mit ihrem ganzen Nervensystem.

Die Beziehung zur Mutter: Die Erfahrung, gesehen und gehalten zu werden

Am Anfang des Lebens steht die Erfahrung eines Kindes, ob ein anderer Mensch erreichbar ist. Ein kleines Kind kann seine Gefühle noch nicht alleine regulieren. Es braucht einen Menschen, der wahrnimmt, was geschieht, der beruhigt, einordnet und schwierige Zustände gemeinsam mit ihm trägt. Die Bindungsforschung von John Bowlby und Mary Ainsworth hat gezeigt, welche Bedeutung frühe Beziehungserfahrungen dafür haben, wie Menschen später Nähe, Vertrauen und Verlässlichkeit erleben.

Dabei geht es nicht um eine perfekte Mutter. Perfektion ist keine Voraussetzung für eine gesunde Entwicklung. Entscheidend ist etwas anderes: die wiederkehrende Erfahrung, dass ein Kind mit seinem Erleben gesehen wird, dass seine Signale wahrgenommen werden und dass nach Momenten von Stress wieder Verbindung entstehen kann. Eine feinfühlige Bezugsperson vermittelt einem Kind so, auch ganz ohne Worte: Du bist wichtig, deine Gefühle dürfen da sein, du musst dich nicht erst verändern, um angenommen zu werden. Diese Erfahrungen werden zu einem Teil der inneren Orientierung eines Menschen. Wie genau daraus sichere Bindung entsteht, beschreibe ich ausführlicher im Beitrag Das erste Vertrauen.

Die Beziehung zum Vater: Die Erfahrung, sich selbst etwas zuzutrauen

Auch die Beziehung zum Vater hat eine eigene Bedeutung. Lange wurde die Rolle des Vaters in der Entwicklungsforschung weniger betrachtet, heute zeigen zahlreiche Studien, dass auch väterliche Feinfühligkeit, emotionale Verfügbarkeit und Beteiligung bedeutsame Faktoren für die Entwicklung eines Kindes sind. Eine Metaanalyse von Noortje Lucassen und Kollegen bestätigt einen eigenständigen Zusammenhang zwischen väterlicher Feinfühligkeit und einer sicheren Vater-Kind-Bindung, unabhängig von der Bindung zur Mutter.

Ein Vater vermittelt seinem Kind dabei nicht nur Schutz, sondern auch Zutrauen: Ich sehe dich, ich traue dir etwas zu, du darfst deinen eigenen Weg gehen. Kinder brauchen Menschen, die ihnen Sicherheit geben und ihnen gleichzeitig ermöglichen, die Welt zu entdecken. Nicht die Rolle allein entscheidet darüber, was ein Kind erlebt, sondern die Qualität der Beziehung: ob es spürt, dass sich jemand wirklich für es interessiert, es wahrnimmt und es mit seinen Gedanken und Gefühlen willkommen ist.

Die dritte Beziehung: Das emotionale Klima zwischen den Eltern

Über eine Beziehung wird in diesem Zusammenhang häufig am wenigsten gesprochen: die Beziehung zwischen den Eltern selbst. Sie ist nicht privat im Sinne von nur die Erwachsenen betreffend, denn ein Kind lebt in dieser Beziehung mit. Es erlebt, wie Mutter und Vater miteinander umgehen: ob sie sich respektieren, einander zuhören, Freude miteinander teilen, Fehler eingestehen können und ob nach einem Konflikt wieder Nähe entsteht.

Die Forschung von Patrick Davies und Mark Cummings zur emotionalen Sicherheit von Kindern hat gezeigt, dass nicht allein entscheidend ist, ob Eltern streiten. Konflikte gehören zu Beziehungen dazu. Entscheidend ist, welche Bedeutung ein Kind daraus gewinnt.

Besonders belastend wirken dabei nicht einzelne Auseinandersetzungen, sondern ein Muster aus Feindseligkeit, Verachtung, Bedrohung oder dauerhaftem emotionalem Rückzug. Ein Kind braucht keine Eltern ohne Konflikte. Es braucht Eltern, die zeigen können, dass eine Beziehung auch nach schwierigen Momenten wieder hergestellt werden kann.

Was Kinder nicht nur hören, sondern aufnehmen

Kinder lernen nicht nur durch das, was wir ihnen sagen. Sie lernen mindestens genauso viel durch das, was wir ihnen vorleben. Ein Kind hört vielleicht niemals den Satz „So sieht Liebe aus“, aber es erlebt jeden Tag, wie Menschen miteinander umgehen: ob eine Mutter sich selbst mit Respekt behandelt oder sich ständig abwertet, ob ein Vater die Mutter wertschätzt oder klein macht, ob Gefühle Raum bekommen oder besser verborgen werden.

Die Atmosphäre eines Zuhauses wird so zu einer Art innerer Landkarte. Sie beeinflusst, wie ein Mensch später Beziehungen einordnet: Kann ich vertrauen? Darf ich Bedürfnisse haben? Bin ich wichtig? Muss ich mich anpassen, um geliebt zu werden?

Es sind selten die großen Ereignisse allein

In der therapeutischen Arbeit zeigt sich häufig: Menschen kommen später nicht wegen eines einzigen Satzes oder eines einzigen Moments. Oft geht es um eine Summe vieler kleiner Erfahrungen, um das wiederholte Gefühl, nicht gesehen worden zu sein, um Momente, in denen Wertschätzung gefehlt hat, oder um eine Atmosphäre, in der man früh gelernt hat, vor allem auf die Stimmung anderer zu achten.

Jack Shonkoff und Andrew Garner beschreiben in ihrer vielzitierten Arbeit zu toxischem Stress in der Kindheit, dass nicht das einzelne belastende Ereignis entscheidend ist, sondern das Fehlen einer verlässlichen, puffernden Beziehung, die wiederkehrende Belastung abfedert. Genau umgekehrt gilt: Durch viele kleine Erfahrungen von Verbindung, durch Erwachsene, die zuhören und Verantwortung übernehmen, entstehen innere Stärke und Vertrauen, die Erfahrung, dass man sein darf, wie man ist, Fehler machen darf und nicht perfekt sein muss, um wertvoll zu sein.

Beziehung kann sich verändern

Die Erfahrungen der Kindheit prägen einen Menschen, aber sie bestimmen nicht sein ganzes Leben. Menschen können neue Erfahrungen machen, verstehen, woher bestimmte Muster kommen, und lernen, anders mit sich selbst und anderen umzugehen. Auch Eltern können sich entwickeln, nicht indem sie perfekt werden, sondern indem sie bereit sind, hinzusehen: auf sich selbst, auf ihr Kind und auf die Beziehung, die sie miteinander gestalten.

Denn jede liebevolle Begegnung zwischen Mutter und Vater ist auch eine Erfahrung, die ein Kind mitnimmt: ein respektvoller Blick, eine ehrliche Entschuldigung, ein Moment von Nähe nach einem Konflikt. Kinder brauchen keine perfekte Familie. Sie brauchen Beziehungen, in denen Menschen immer wieder versuchen, einander zu sehen. Genau dort entsteht etwas, das einen Menschen ein Leben lang begleiten kann: das Vertrauen, dass Beziehung ein sicherer Ort sein darf.

In meiner Arbeit begleite ich sowohl Eltern im Coaching als auch junge Frauen in der Psychotherapie, deren Vorstellung von Beziehung stark von den frühen Erfahrungen mit ihren Eltern geprägt ist.

Quellen

  • Ainsworth, M. D. S., Blehar, M. C., Waters, E. & Wall, S. (1978). Patterns of Attachment: A Psychological Study of the Strange Situation. Hillsdale, NJ: Lawrence Erlbaum Associates.
  • Bowlby, J. (1969/1982). Attachment and Loss, Vol. 1: Attachment. New York: Basic Books.
  • Cummings, E. M. & Davies, P. T. (2010). Marital Conflict and Children: An Emotional Security Perspective. New York: Guilford Press.
  • Davies, P. T. & Cummings, E. M. (1994). Marital Conflict and Child Adjustment: An Emotional Security Hypothesis. Psychological Bulletin, 116(3).
  • Lucassen, N. et al. (2011). The Association Between Paternal Sensitivity and Infant-Father Attachment Security: A Meta-Analysis. Journal of Family Psychology, 25(6).
  • Shonkoff, J. P. & Garner, A. S. (2012). The Lifelong Effects of Early Childhood Adversity and Toxic Stress. Pediatrics, 129(1).

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Grit Kirchner
Psychotherapie & Elterncoaching
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Tel.: +49 152 0135 4963 (Mittwoch 13:00 – 14:45 Uhr)
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