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Wenn Leistung zum Mittelpunkt des Lebens wird: Wer bin ich, wenn ich nicht mehr leisten kann?

Leistungsdruck · Selbstwert

Manche Kinder lernen sehr früh, außergewöhnlich viel zu leisten.

In meiner Praxis begegnen mir immer wieder junge Menschen, die schon früh gelernt haben, leistungsfähig zu sein. Sie sind engagiert, zuverlässig und oft außergewöhnlich begabt. Manche betreiben Leistungssport, andere musizieren bereits als Kind auf einem Niveau, das sie in professionelle Strukturen führt, wieder andere gehören in der Schule über Jahre zu den Besten.

Was von außen wie eine reine Stärke wirkt, erzählt bei näherem Hinsehen oft eine zweite Geschichte. Ein junger Mensch kann sehr gut darin werden, Anforderungen zu erfüllen, und gleichzeitig verlernen, die eigene innere Stimme wahrzunehmen. Die Frage ist dann nicht mehr nur, was ein Kind erreichen kann, sondern ob es sich selbst dabei noch erlebt.

Diese Unterscheidung ist entwicklungspsychologisch bedeutsam. Kindheit besteht nicht nur darin, Fähigkeiten aufzubauen, sondern auch darin, eine Beziehung zu sich selbst zu entwickeln: zu den eigenen Gefühlen, Bedürfnissen und Grenzen. Gerade bei sehr leistungsorientierten jungen Menschen wird diese Verbindung häufig erst dann sichtbar, wenn etwas nicht mehr funktioniert, wenn der Körper eine Grenze setzt, eine Verletzung eine Pause erzwingt oder sich trotz äußerem Erfolg eine tiefe Erschöpfung breitmacht.

Viele dieser jungen Menschen kommen nicht in die Therapie, weil sie zu wenig leisten. Sie kommen, weil sie über Jahre versucht haben, alles leisten zu müssen.

Eine leistungsstarke Kindheit

Vor einiger Zeit erzählte mir eine junge Patientin von ihrer Kindheit in einem sehr leistungsorientierten Umfeld. Ihr Alltag war früh von einem festen Rhythmus aus Training und dem Wunsch geprägt, immer besser zu werden. Vieles, was für andere Kinder selbstverständlich war, freie Nachmittage, spontane Verabredungen, unbeschwerte Zeit mit Freundinnen, hatte in ihrem Leben wenig Raum. Sie hatte gelernt, durchzuhalten, sich anzustrengen, nicht aufzugeben.

Diese Fähigkeiten sind grundsätzlich wertvoll. Kinder profitieren davon, zu erleben, dass sie Herausforderungen bewältigen können. Die entscheidende Frage ist eine andere: Was geschieht, wenn ein Kind nicht nur lernt, Herausforderungen zu bewältigen, sondern auch lernt, die eigenen Signale zu übergehen? Es muss nicht nur erfahren, dass es etwas leisten kann. Es muss ebenso erfahren, dass es wahrnehmen darf, wenn etwas zu viel wird.

Genau diese Fähigkeit ist im Leistungssport seit Jahren Gegenstand der Forschung. Dabei zeigt sich: Nicht allein die objektive Belastung entscheidet, ob ein Kind daran wächst oder daran leidet. Ein hoher Trainingsumfang oder große Ziele führen nicht automatisch zu psychischer Belastung. Entscheidend ist, wie ein junger Mensch diese Anforderungen innerlich erlebt. Die Forschung zum sogenannten Sport-Burnout beschreibt vor allem eine Kombination aus chronischer Belastung, fehlender Erholung und dem Gefühl, keine echte Wahl mehr zu haben, als Nährboden für emotionale Erschöpfung und einen Verlust an Freude.

Damit verbunden ist die Entwicklung von Selbstwirksamkeit nach Albert Bandura: dem Vertrauen, mit eigenen Mitteln etwas bewirken zu können. Ein Kind entwickelt Selbstwirksamkeit nicht nur dadurch, dass es schwierige Aufgaben meistert. Es entwickelt sie auch dadurch, dass es erfährt: Ich kann meine eigenen Grenzen wahrnehmen, und ich kann sagen, wenn ich Unterstützung brauche. Diese Fähigkeit klingt selbstverständlich, doch in der Praxis zeigt sich, dass gerade sehr leistungsorientierte junge Menschen darin oft am meisten Schwierigkeiten haben. Sie merken lange nicht, dass sie erschöpft sind, bemerken nicht, dass die Freude verloren gegangen ist, und können kaum sagen: Ich brauche eine Pause.

Als der Weg plötzlich endete

Bei der jungen Patientin kam es schließlich durch eine gesundheitliche Situation dazu, dass sie ihren bisherigen Weg nicht wie geplant fortsetzen konnte. Was zunächst wie ein reiner Verlust erschien, brachte eine überraschende Erfahrung mit sich: Erleichterung.

Diese Erleichterung war für sie selbst schwer einzuordnen, denn sie hatte ihre Tätigkeit nie grundsätzlich abgelehnt. Aber mit dem Wegfall der ständigen Anforderungen entstand etwas, das lange kaum vorhanden gewesen war: Raum, für Erholung, für eigene Wünsche, für die Frage, was sie selbst eigentlich möchte.

Während sie begann, diese neue Erfahrung zuzulassen, sah das Umfeld zunächst vor allem den Verlust: die verpasste Möglichkeit, die nicht mehr erreichbaren Ziele. Genau an diesem Punkt zeigt sich ein Thema, das viele junge Menschen betrifft, deren Selbstwert eng mit Leistung verknüpft ist. Wenn eine Leistung wegfällt, stellt sich nicht nur die praktische Frage, was jetzt zu tun ist. Es stellt sich die tiefere Frage: Wer bin ich jetzt?

„Ich habe mich zum ersten Mal seit Jahren nicht müde gefühlt, sondern erleichtert. Und dann hatte ich furchtbare Angst, weil ich nicht wusste, was das über mich aussagt.“

Patientin, aus der Einzeltherapie

Wenn der Selbstwert an Leistung hängt

Die Frage, wer jemand ist, wenn er nicht mehr leistet, begegnet mir nicht nur bei jungen Sportlerinnen. Sie begegnet mir überall dort, wo ein Kind sehr früh gelernt hat, dass besondere Fähigkeiten auch besondere Erwartungen mit sich bringen.

Ein Mädchen, das bereits im frühen Jugendalter auf großen Bühnen steht, in professionellen musikalischen Strukturen mitarbeitet und einen Alltag aus Proben, Auftritten und hohen Ansprüchen kennt, entwickelt zweifellos außergewöhnliche Fähigkeiten. Eine solche Begabung kann eine große Bereicherung sein. Trotzdem stellt sich auch hier eine entscheidende Frage: Bleibt hinter der Leistung noch das Kind sichtbar? Kindheit besteht nicht nur darin, Fähigkeiten auszubauen, sondern auch darin, herauszufinden, wer man unabhängig von Leistung ist. Freie Zeit, Spiel und spontane Erfahrungen wirken aus reiner Leistungsperspektive unproduktiv, erfüllen entwicklungspsychologisch aber eine wichtige Funktion: In solchen Momenten entsteht ein eigenes Erleben, das nicht bewertet und nicht von außen gesteuert wird.

Wie stark Leistung und Selbstwert miteinander verschmelzen können, hat die Psychologie in mehreren Forschungslinien genau untersucht. Jennifer Crocker und Lora Park haben mit dem Konzept der Contingencies of Self-Worth beschrieben, was geschieht, wenn Menschen ihren eigenen Wert an bestimmte Bedingungen knüpfen, etwa an Erfolg oder Anerkennung. Solange dieser Bereich stabil bleibt, kann die Verbindung sogar motivierend wirken: Ein Kind erlebt, dass Anstrengung sich lohnt. Schwierig wird es dort, wo daraus die tiefere Überzeugung entsteht, nur dann wertvoll zu sein, wenn man erfolgreich ist. Leistung wird dann zu etwas, das nicht mehr nur getan, sondern erlitten wird, weil sie darüber entscheidet, wie sich jemand selbst erlebt.

Eine verwandte Dynamik beschreiben Peter Hewitt und Gordon Flett mit ihrem Konzept des Perfektionismus. Sie unterscheiden unter anderem einen selbstbezogenen Perfektionismus, bei dem übermäßig hohe Ansprüche an die eigene Leistung gestellt werden, von einem sozial vorgeschriebenen Perfektionismus, bei dem ein junger Mensch überzeugt ist, diese hohen Ansprüche kämen von außen und müssten erfüllt werden, um Anerkennung nicht zu verlieren. Gerade Letzteres ist eng mit Erschöpfung, Angst und depressiver Symptomatik verbunden, weil ein Ende der Ansprüche nie in Sicht ist. Selbst ein Erfolg fühlt sich dann selten wie genug an.

Im Leistungssport ist dieser Zusammenhang unter dem Begriff der sportlichen Identität gut untersucht, wie sie Britton Brewer und Kollegen beschrieben haben. Eine starke Identifikation mit der eigenen Rolle als Sportlerin kann Orientierung und Motivation geben. Macht diese Rolle jedoch fast den gesamten eigenen Selbstbegriff aus, wird ihr Verlust, etwa durch eine Verletzung oder das Ende einer Karriere, zu einer erheblichen psychischen Belastung. Es bedeutet dann nicht nur, den Sport nicht mehr ausüben zu können. Es bedeutet, dass ein zentraler Teil der eigenen Vorstellung von sich selbst verschwunden ist.

Was Kinder zusätzlich zur Anstrengung brauchen

Kinder lernen den Umgang mit ihren eigenen Grenzen nicht allein, sondern in Beziehung. Ein Kind entwickelt die Fähigkeit, eigene Bedürfnisse wahrzunehmen, wenn diese von wichtigen Bezugspersonen gesehen und ernst genommen werden. Das bedeutet nicht, jede Anstrengung zu vermeiden oder jede Schwierigkeit aus dem Weg zu räumen. Kinder brauchen Herausforderungen und Ermutigung, die Erfahrung, dass sie mehr können, als sie manchmal glauben. Ebenso brauchen sie die Erfahrung, dass ihre Grenze gesehen wird, dass ihre Erschöpfung ernst genommen wird und dass sie sagen dürfen: Ich kann nicht mehr.

Ein Kind sollte lernen, dass es sich anstrengen kann, aber ebenso, dass es eine Pause braucht, heute weniger leisten darf und auch einmal keine Lust haben darf, ohne dass daraus gleich ein Problem wird. Ein freier Nachmittag, ein Tag ohne Optimierung, ein spontanes Treffen mit Freunden: Solche scheinbar kleinen Erfahrungen sind oft genau der Raum, in dem ein junger Mensch sich selbst begegnet.

Diese Perspektive ist auch für Eltern anspruchsvoll, weil die meisten aus einer guten Absicht heraus handeln. Sie möchten ihr Kind fördern, ihm Möglichkeiten eröffnen und verhindern, dass es später Chancen bereut, die es nicht genutzt hat. Die Schwierigkeit entsteht nicht durch Interesse oder Unterstützung. Sie entsteht dort, wo die Aufmerksamkeit langsam von der Frage abwandert, wie es dem Kind geht, hin zu der Frage, was es noch erreichen könnte. Ein Kind ist aber nie nur sein Potenzial, seine Begabung oder seine Leistung.

Der Kinderarzt und Psychoanalytiker Donald Winnicott hat mit dem Konzept des wahren Selbst die Fähigkeit eines Menschen beschrieben, mit den eigenen Gefühlen, Bedürfnissen und spontanen Impulsen verbunden zu bleiben. Diese Entwicklung braucht eine Umgebung, in der ein Kind nicht nur für Anpassung und Leistung gesehen wird, sondern in seinem ganzen Erleben. Es braucht Erwachsene, die nicht nur fragen, wie gut es war, sondern auch, wie es für das Kind selbst war, ob es ihm Freude gemacht hat und was es gerade braucht. Wer nie gelernt hat, die eigenen Gefühle wahrzunehmen und einzuordnen, wie es der Beitrag Ich fühle nichts – oder alles auf einmal beschreibt, hat es später oft auch schwerer, die eigenen Grenzen zu spüren.

Wie ich in der Praxis damit arbeite

In meiner tiefenpsychologisch fundierten Arbeit geht es nicht in erster Linie darum, junge Menschen leistungsfähiger zu machen. Das sind sie meistens längst. Es geht darum, dass sie sich selbst dabei nicht verlieren: die eigene Erschöpfung wahrzunehmen, die eigene Freude wiederzufinden und eine Vorstellung von sich zu entwickeln, die nicht allein an Erfolg hängt. Ähnlich wie im Beitrag Wenn das Kind stürmt beschrieben, hilft es auch hier den Eltern oft mehr, präsent und verlässlich zu bleiben, als zusätzlichen Druck durch noch mehr Ehrgeiz zu beantworten.

In meiner Praxis erlebe ich immer wieder, dass genau hier eine wichtige Veränderung beginnt. Junge Menschen werden dabei nicht weniger ehrgeizig und geben ihre Fähigkeiten nicht auf. Sie lernen wieder, die eigene Müdigkeit, die eigene Freude, die eigene Grenze und die eigene Stimme wahrzunehmen.

Wenn Sie sich darin wiedererkennen

Vielleicht erkennen Sie in diesen Beschreibungen Ihr eigenes Kind wieder, oder sich selbst als jungen Menschen, der früh gelernt hat, vor allem über Leistung wahrgenommen zu werden. Sätze wie „Ich weiß gar nicht mehr, wer ich ohne das alles bin“ oder „Ich habe Angst, dass ich ohne Erfolg nichts mehr wert bin“ höre ich in der Praxis häufig, sowohl von jungen Patientinnen als auch von Eltern, die sich um ihre Töchter sorgen.

Diese Sätze sind kein Anzeichen von Schwäche. Sie sind oft der erste ehrliche Moment nach langer Zeit des reinen Funktionierens.

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Soforthilfe in akuten Krisen

Wenn Sie oder Ihr Kind sich in einer akuten Krise befinden oder Suizidgedanken haben, wenden Sie sich bitte direkt an:

  • Telefonseelsorge: 0800 111 0 111 (kostenlos, 24/7)
  • Krisendienst Bayern: 0800 655 3000 (kostenlos, 24/7)
  • Unter 25? › krisenchat.de

„Ich darf viel erreichen, mich entwickeln und Ziele haben. Und ich bin wertvoll, nicht erst dann, wenn ich etwas Besonderes leiste.“

Quellen

  • Bandura, A. (1997). Self-Efficacy: The Exercise of Control. New York: Freeman.
  • Brewer, B. W., Van Raalte, J. L. & Linder, D. E. (1993). Athletic Identity: Hercules' Muscles or Achilles Heel? International Journal of Sport Psychology, 24.
  • Crocker, J. & Park, L. E. (2004). The Costly Pursuit of Self-Esteem. Psychological Bulletin, 130(3).
  • Deci, E. L. & Ryan, R. M. (2000). The „What" and „Why" of Goal Pursuits: Human Needs and the Self-Determination of Behavior. Psychological Inquiry, 11(4).
  • Gustafsson, H., DeFreese, J. D. & Madigan, D. J. (2017). Athlete Burnout: Review and Recommendations. Current Opinion in Psychology, 16.
  • Hewitt, P. L. & Flett, G. L. (1991). Perfectionism in the Self and Social Contexts. Journal of Personality and Social Psychology, 60(3).
  • Winnicott, D. W. (1965). The Maturational Processes and the Facilitating Environment. London: Hogarth Press.

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Grit Kirchner
Psychotherapie & Elterncoaching
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