Blog9 Min. LesezeitZuletzt aktualisiert: 18. September 2026

Das falsche Selbst

Wenn Anpassung zum Lebensprinzip wird

Essstörungen · Gefühle verstehen

Manche meiner Patientinnen können genau sagen, was ihre Mutter über Ernährung denkt. Was sie selbst gerade brauchen, wissen sie nicht.

Das falsche Selbst ist ein Begriff des britischen Kinderanalytikers Donald W. Winnicott, den er um 1960 geprägt hat. Er beschreibt damit ein Ich, das sich so verhält und fühlt, wie es die wichtigsten Bezugspersonen erwarten, während die eigenen, oft unbequemeren Regungen nach innen gedrängt werden. In der Arbeit mit jungen Frauen, die an Magersucht erkrankt sind, begegnet mir dieses Muster fast täglich. Hier zeigt es sich an einer besonders körperlichen Stelle: am Hunger.

Schon Säuglinge spüren, welches Verhalten bei den Eltern ankommt und welches nicht. Manche Kinder lernen erstaunlich früh, ihr Weinen zurückzuhalten, wenn Mutter oder Vater gerade erschöpft sind. Das ist zunächst eine kluge Anpassung. Wird sie zum Dauerzustand, entsteht daraus etwas Grundlegenderes.

Wenn Anpassung zum Dauerprogramm wird

Ein Kind, das seine eigenen Bedürfnisse jahrelang hintanstellt, verliert den Zugang zu einer sehr einfachen Frage: Was will ich eigentlich? Bei manchen Jugendlichen zeigt sich das später in einer Berufswahl, die eher zu den Eltern passt als zu ihnen selbst. Bei jungen Frauen mit Magersucht zeigt es sich im Körper, im Umgang mit Hunger, Sättigung und Erschöpfung.

Die Psychiaterin Hilde Bruch, eine der wichtigsten Anorexie-Forscherinnen, beschrieb bereits in den siebziger Jahren, dass ihre Patientinnen die eigenen Signale von Hunger und Sättigung systematisch übergehen. Sie sprach von einer Störung der interozeptiven Wahrnehmung, also der Fähigkeit, Signale aus dem Körperinneren überhaupt zu registrieren und ihnen zu trauen. Ihre klinische Beobachtung trifft sich mit Winnicotts Begriff: Wer gelernt hat, eigene Impulse zugunsten fremder Erwartungen zu unterdrücken, verlernt irgendwann auch das Hungergefühl.

Neuere Untersuchungen stützen diesen Zusammenhang. Bei Patientinnen mit Anorexie finden sich veränderte Muster in der Wahrnehmung innerer Körpersignale, besonders rund um Mahlzeiten. Hunger und Anspannung werden schwächer oder verzerrt registriert. Mit Willensstärke hat das wenig zu tun. Es ist eine erlernte Abkopplung vom eigenen Körper, und sie sitzt tief.

Lena, 18: die perfekte Tochter, die sich selbst nicht mehr spürte

Lena kam mit deutlichem Untergewicht in meine Praxis. Sie gehörte zu den leistungsstärksten Schülerinnen ihrer Stufe, freundlich, angepasst, nie auffällig. Bis auf die Waage.

Im Gespräch fiel schnell auf, wie präzise sie beschreiben konnte, was ihre Mutter über Ernährung, Disziplin und Kontrolle dachte. Und wie unsicher sie wurde, sobald ich fragte, was sie selbst möchte. Einmal sagte sie einen Satz, über den sie im selben Moment selbst zu staunen schien:

„Ich weiß nicht, ob ich hungrig bin. Ich weiß nur, ob es erlaubt ist zu essen.“

Lena gibt es so nicht. Wie in allen meinen Texten ist ihre Geschichte aus mehreren Behandlungsverläufen zusammengesetzt und verfremdet.

Nicht der innere Zustand entscheidet hier, sondern die vermutete äußere Erwartung. Der Hunger ist da. Er wird nur nicht mehr als eigenes Signal anerkannt, sondern durch ein System aus Regeln und Kontrolle ersetzt, das sich vertrauter anfühlt als das eigene, unberechenbare Körpergefühl.

Das wahre Selbst zeigt sich in kleinen Momenten

Der Psychoanalytiker Salman Akhtar hat sinngemäß beschrieben, dass sich unser wahres Selbst in ganz einfachen Momenten zeigt. Etwa wenn jemand einen Apfel isst, weil er Lust darauf hat, und nicht, weil er vorher durchgerechnet hat, ob das erlaubt ist. Für Patientinnen mit Magersucht liegt darin eine der größten Aufgaben der Therapie: wieder zu lernen, dass Hunger, Appetit und Genuss eigene, legitime Signale sind und keine Schwäche, die kontrolliert gehört.

Das wahre Selbst geht dabei nie ganz verloren, es wird überlagert. Es meldet sich weiter, in Hunger, Erschöpfung, Ärger oder Freude, auch wenn eine Patientin gelernt hat, diesen Signalen zu misstrauen. Die therapeutische Arbeit baut deshalb selten etwas völlig Neues auf. Sie stellt den Zugang zu etwas her, das immer da war.

Was das für die Therapie bedeutet

Gewicht und Essverhalten sind medizinisch zentral, und sie gehören in ärztliche Kontrolle. In der Psychotherapie kommt eine andere Frage dazu: Was spüre ich gerade wirklich? Das ist ein langsamer Prozess. Ein Körper, dessen Signale jahrelang übergangen wurden, meldet sich nicht auf Knopfdruck zurück. Aber jedes Mal, wenn eine Patientin bemerkt „Das war jetzt tatsächlich mein eigener Wunsch, nicht der erwartete“, ist ein Stück wahres Selbst zurückgewonnen.

Ich arbeite tiefenpsychologisch fundiert und in enger Abstimmung mit Haus- und Kinderärzten. Wann ambulante Therapie trägt und wann zuerst eine Klinik nötig ist, kläre ich im Erstgespräch offen. Alles Weitere dazu steht auf der Seite Psychotherapie bei Essstörungen. Wie eine Magersucht insgesamt verläuft und woran Sie sie erkennen, habe ich in Magersucht verstehen beschrieben.

Was Eltern daraus mitnehmen können

Weder Strenge noch hohe Erwartungen machen für sich genommen krank. Entscheidend ist eher, in welchem Ausmaß ein Kind das Gefühl bekommt, nur mit seinem angepassten, richtigen Anteil geliebt und gesehen zu werden. Wo Eltern auch die unbequemen, eigenwilligen und manchmal widersprüchlichen Regungen ihrer Tochter aushalten, entsteht der Raum, in dem sich ein wahres Selbst wieder zeigen darf. Und mit ihm, ganz buchstäblich, der eigene Hunger.

Wenn Sie als Mutter oder Vater merken, dass Sie bei diesem Aushalten an Ihre Grenzen kommen, ist das kein Versagen. Dafür gibt es das Elterncoaching.

Häufige Fragen

Was bedeutet das falsche Selbst bei Magersucht?

Der Begriff stammt von Donald W. Winnicott und beschreibt ein Ich, das sich an den Erwartungen der wichtigsten Bezugspersonen ausrichtet, während die eigenen Impulse nach innen gedrängt werden. Bei Magersucht betrifft das auch den Körper: Nicht der eigene Hunger entscheidet über das Essen, sondern die Frage, was erlaubt ist.

Kann man ein verlorenes Hungergefühl wieder lernen?

Ja, aber es braucht Zeit. Ein Körper, dessen Signale jahrelang übergangen wurden, meldet sich nicht auf Knopfdruck zurück. In der Therapie üben wir schrittweise, innere Zustände überhaupt wieder wahrzunehmen und ihnen zu trauen. Parallel dazu gehören Gewicht und Blutwerte in ärztliche Kontrolle.

Sind die Eltern schuld an einer Magersucht?

Nein. Eine Essstörung entsteht aus vielen Faktoren, dazu gehören genetische, biologische, soziale und familiäre. Weder Strenge noch hohe Erwartungen machen für sich genommen krank. Entscheidend ist eher, ob ein Kind das Gefühl bekommt, nur mit seinem angepassten Anteil gesehen zu werden.

Reicht bei Magersucht eine ambulante Psychotherapie?

Das hängt vom körperlichen Zustand ab. Bei stabilem Gewicht und ärztlicher Begleitung ist ambulante Psychotherapie oft der passende Rahmen. Bei starkem Untergewicht, raschem Gewichtsverlust oder körperlichen Komplikationen ist zuerst eine Klinik nötig. Diese Einschätzung treffe ich im Erstgespräch offen mit Ihnen.

Quellen

  • Winnicott, D. W. (1960). Ego Distortion in Terms of True and False Self. In: The Maturational Processes and the Facilitating Environment. Hogarth Press.
  • Bruch, H. (1973). Eating Disorders: Obesity, Anorexia Nervosa, and the Person Within. Basic Books.
  • Khalsa, S. S. et al. (2015). Altered interoceptive awareness in anorexia nervosa: Effects of meal anticipation, consumption and bodily arousal. International Journal of Eating Disorders, 48(7), 889–897.

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