Blog10 Min. LesezeitZuletzt aktualisiert: 28. Juli 2026

Panikattacken bei jungen Frauen – wenn der Körper Alarm schlägt, obwohl keine Gefahr besteht

Panikattacken · Angststörungen

Warum Panikattacken entstehen und wie Psychotherapie helfen kann, wieder Vertrauen in den eigenen Körper zu entwickeln.

Sie sitzt im Unterricht, als ihr Herz plötzlich schneller schlägt. Zunächst denkt sie, vielleicht zu wenig getrunken oder schlecht geschlafen zu haben. Dann verändert sich ihre Atmung. Ihr wird schwindelig. Ihre Hände beginnen zu kribbeln. Ein Druck breitet sich in ihrer Brust aus.

Für einen kurzen Moment ist sie überzeugt, gleich ohnmächtig zu werden, vielleicht sogar einen Herzinfarkt zu bekommen.

Wenige Minuten später ist die Panik vorbei. Zurück bleiben Erschöpfung, Verunsicherung und eine beunruhigende Frage: „Was stimmt nicht mit mir?“

„Was stimmt nicht mit mir?“

So oder ähnlich beginnt für viele junge Frauen die erste Panikattacke.

Von außen wirkt sie häufig rätselhaft. Es gab keinen Unfall, keine sichtbare Bedrohung und manchmal nicht einmal einen erkennbaren Auslöser. Dennoch reagiert der Körper so, als befände sich der Mensch in höchster Gefahr.

Gerade in der Lebensphase zwischen 17 und 20 Jahren kann diese Erfahrung besonders erschütternd sein. Es ist eine Zeit großer Veränderungen: Schule endet, Studium oder Ausbildung beginnen, Beziehungen verändern sich und die Frage nach der eigenen Identität wird bedeutsamer. Eine Panikattacke kann dann das Gefühl auslösen, plötzlich die Kontrolle über sich selbst zu verlieren.

Viele junge Frauen beginnen danach, ihren Körper ständig zu beobachten. Sie achten auf ihren Herzschlag, ihre Atmung oder kleinste körperliche Veränderungen. Manche vermeiden Situationen, in denen erneut eine Attacke auftreten könnte. So entsteht häufig ein zweiter Kreislauf: die Angst vor der Angst.

Mit Schwäche oder mangelnder Belastbarkeit hat das nichts zu tun. Was hier reagiert, ist ein biologisches Alarmsystem: Es meldet Gefahr, obwohl objektiv keine Bedrohung besteht.

Wenn das Gehirn Gefahr meldet

Angst gehört zu den wichtigsten Schutzmechanismen des Menschen. Sie hilft uns, Gefahren frühzeitig zu erkennen und angemessen zu reagieren.

Unser Gehirn verfügt über ein hochentwickeltes Warnsystem. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Amygdala, eine Hirnstruktur, die an der Verarbeitung emotional bedeutsamer Informationen beteiligt ist. Wird eine Gefahr erkannt, aktiviert der Körper innerhalb kürzester Zeit ein biologisches Notfallprogramm: Der Herzschlag beschleunigt sich, die Atmung verändert sich, die Muskulatur wird stärker durchblutet und Stresshormone wie Adrenalin werden ausgeschüttet. Der Körper bereitet sich darauf vor, zu handeln.

Unter realer Gefahr ist diese Reaktion lebenswichtig. Bei einer Panikattacke wird dieses System jedoch aktiviert, obwohl keine tatsächliche äußere Bedrohung besteht. Das Gehirn interpretiert bestimmte körperliche Empfindungen möglicherweise als Gefahr.

Ein schneller Herzschlag, Schwindel oder eine veränderte Atmung können dann als bedrohlich bewertet werden. Diese Bewertung verstärkt wiederum die Angst, und die Angst verstärkt die körperlichen Symptome.

Warum Panikattacken häufig in dieser Lebensphase auftreten

Die Jahre zwischen Jugend und Erwachsenenleben sind eine besondere Entwicklungsphase. Viele junge Frauen erleben in dieser Zeit gleichzeitig mehrere Übergänge: den Abschied von vertrauten Strukturen, neue Verantwortung, Leistungsanforderungen und die Entwicklung eines eigenständigen Lebensentwurfs.

Aus entwicklungspsychologischer Sicht stehen in dieser Phase große Fragen an: Wer bin ich, was möchte ich, und welche Erwartungen anderer will ich überhaupt erfüllen? Antworten darauf entstehen selten schnell.

Auch die Entwicklung des Gehirns spielt eine Rolle. Bereiche, die an Emotionsregulation, Impulskontrolle und Bewertung von Situationen beteiligt sind, reifen bis ins junge Erwachsenenalter weiter. Gleichzeitig können stressverarbeitende Systeme besonders empfindlich reagieren.

Angststörungen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen im Jugend- und jungen Erwachsenenalter. Eine einzelne Ursache steckt jedoch nicht dahinter. Die erhöhte Anfälligkeit entsteht im Zusammenspiel biologischer, psychologischer und sozialer Einflüsse.

Wenn innere Konflikte körperlich spürbar werden

Neben den gut erforschten biologischen Mechanismen bietet auch eine tiefenpsychologische Perspektive eine wichtige Verstehensmöglichkeit. Gerade die Übergangsphase zum Erwachsenenleben kann mit inneren Spannungen verbunden sein.

Der Wunsch nach Selbstständigkeit kann gleichzeitig mit dem Bedürfnis nach Sicherheit verbunden sein. Eigene Wünsche können mit Erwartungen anderer Menschen in Konflikt geraten. Der Anspruch, alles richtig machen zu müssen, kann die Angst verstärken, nicht zu genügen.

Manche junge Frauen erleben äußerlich eine Phase großer Leistungsfähigkeit, während innerlich Unsicherheit, Druck oder Überforderung zunehmen. Wie eng Selbstwert und Leistung miteinander verwachsen können, beschreibe ich ausführlicher im Beitrag Wenn Leistung zum Mittelpunkt des Lebens wird.

Aus tiefenpsychologischer Sicht kann eine Panikattacke deshalb auch als Ausdruck einer psychischen Überlastung verstanden werden, bei der innere Spannungen über die körperliche Ebene spürbar werden.

Eine eindeutige „Botschaft“ des Körpers steckt darin allerdings nicht, und ungelöste Konflikte sind auch nicht die alleinige Ursache. Körperliche Alarmreaktionen und persönliche Lebenskonflikte können aber miteinander verbunden sein. Psychotherapie hilft, diese Zusammenhänge zu sortieren.

Warum manche junge Frauen anfälliger für Panikattacken sind

Panikattacken entstehen nicht durch eine einzige Ursache. Nach heutigem wissenschaftlichem Verständnis entwickeln sie sich aus dem Zusammenspiel verschiedener Faktoren.

Eine Rolle können genetische Einflüsse spielen. Angststörungen treten in manchen Familien häufiger auf. Ob jemand eine Angsterkrankung entwickelt, entscheiden die Gene jedoch nicht allein. Sie können ein empfindlicheres Stresssystem begünstigen, mehr nicht.

Auch persönliche Eigenschaften können bedeutsam sein. Manche Menschen nehmen körperliche Veränderungen besonders intensiv wahr oder neigen stärker dazu, mögliche Gefahren zu analysieren. Wie sehr genaues Nachdenken zur Belastung werden kann, beschreibe ich im Beitrag Overthinking: Warum kluges Denken manchmal die Entscheidung blockiert.

Gerade junge Frauen, die sehr leistungsorientiert sind, hohe Ansprüche an sich selbst stellen und viel Verantwortung übernehmen, berichten häufig von längeren Phasen innerer Anspannung vor der ersten Panikattacke. Nach außen wirkt vieles weiterhin funktionierend. Innerlich kann jedoch ein Zustand entstehen, in dem Anforderungen, Erwartungen und eigene Bedürfnisse nicht mehr gut miteinander im Gleichgewicht stehen.

Auch belastende Lebensereignisse können die Wahrscheinlichkeit für Angstprobleme erhöhen. Dazu gehören beispielsweise Verlusterfahrungen, Konflikte, Trennungen, Mobbing oder länger andauernde Überforderung.

Automatisch zu einer Panikstörung führen solche Erfahrungen allerdings nicht. Im Zusammenspiel mit anderen Faktoren können sie aber dazu beitragen, dass ein ohnehin empfindliches Stresssystem stärker anspringt.

Die Angst vor der Angst

Viele junge Frauen leiden nicht nur unter der Panikattacke selbst. Besonders belastend wird häufig die Erwartungsangst: „Was, wenn es wieder passiert?“

Diese Sorge kann den Alltag zunehmend beeinflussen. Manche meiden bestimmte Orte, fahren nicht mehr allein mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder verlassen Situationen frühzeitig, in denen sie sich ausgeliefert fühlen.

Kurzfristig vermittelt Vermeidung Erleichterung. Langfristig kann sie jedoch den Eindruck verstärken, dass die Situation tatsächlich gefährlich ist. Die wichtige korrigierende Erfahrung bleibt aus: „Ich kann diese Situation bewältigen.“

In der Psychotherapie geht es deshalb darum, den eigenen Handlungsspielraum wieder zu erweitern und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zurückzugewinnen.

Die Bedeutung der Atmung: den Körper wieder beruhigen lernen

Während einer Panikattacke verändert sich häufig auch die Atmung. Viele Betroffene beginnen unbewusst schneller oder flacher zu atmen. Dadurch können körperliche Empfindungen wie Schwindel, Kribbeln oder ein Gefühl von Enge verstärkt werden.

Ein bewusster Umgang mit der Atmung kann hier ein hilfreiches Instrument zur Selbstregulation sein. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass langsame Atemtechniken mit einer Aktivierung des parasympathischen Nervensystems verbunden sein können, jenem Teil des autonomen Nervensystems, der für Ruhe, Erholung und körperliche Regulation zuständig ist.

Insbesondere eine ruhige Atmung mit verlängertem Ausatmen kann dazu beitragen, die körperliche Stressreaktion zu reduzieren und ein Gefühl von mehr innerer Stabilität zu fördern.

„Wegatmen“ lässt sich Angst damit allerdings nicht, und diese Erwartung erzeugt eher zusätzlichen Druck. Bewusstes Atmen wirkt an einer anderen Stelle: Es macht eine neue Erfahrung möglich.

„Mein Körper ist gerade in Alarmbereitschaft – aber ich bin nicht in Gefahr.“

Atemübungen können deshalb eine wertvolle Ergänzung in der Psychotherapie sein. Sie ersetzen jedoch nicht die therapeutische Arbeit an den Mechanismen, die Panik aufrechterhalten können, beispielsweise Angstbewertungen, Vermeidung oder persönliche Belastungsthemen.

Wie Psychotherapie bei Panikattacken helfen kann

Panikattacken und Panikstörungen sind gut behandelbar. Besonders gut untersucht ist die kognitive Verhaltenstherapie.

Ein wichtiger erster Schritt ist die Psychoedukation: Junge Frauen lernen zu verstehen, was während einer Panikattacke im Körper geschieht. Dieses Wissen kann helfen, die Symptome weniger bedrohlich zu erleben.

Ein weiterer Bestandteil ist die Arbeit mit angstauslösenden Gedanken und Bewertungen. Gemeinsam sehen wir uns an, was tatsächlich passiert, welche Befürchtung dabei entsteht und welche Erfahrungen dafür oder dagegen sprechen.

Auch die schrittweise Konfrontation mit gefürchteten Situationen kann ein wichtiger Bestandteil der Behandlung sein. Sie zielt auf eine neue Erfahrung: „Ich kann Angst erleben und trotzdem handlungsfähig bleiben.“

Aus tiefenpsychologischer Sicht lässt sich zusätzlich der persönliche Sinnzusammenhang der Symptome betrachten: Welche Belastungen wirken im Hintergrund, welche Ansprüche an sich selbst sind besonders streng, und wo fällt es schwer, eigene Bedürfnisse zu vertreten?

Wem es grundsätzlich schwerfällt, eigene Gefühle überhaupt zu benennen, findet im Beitrag Ich fühle nichts – oder alles auf einmal eine ausführlichere Einordnung.

Eine Psychotherapie kann helfen, bewusste und weniger bewusste innere Muster zu verstehen und einen anderen Umgang mit sich selbst zu finden. Die Suche nach der einen Ursache führt dabei selten weiter, weil psychische Beschwerden meist aus einem Zusammenspiel vieler Faktoren entstehen.

Wenn der Körper Alarm schlägt, kann Vertrauen wieder wachsen

Eine Panikattacke fühlt sich für viele junge Frauen wie ein Kontrollverlust an. Dahinter steht kein persönliches Versagen: Der Körper reagiert mit einem Schutzmechanismus, der zu empfindlich eingestellt ist.

Der Weg aus der Panik beginnt häufig mit Verständnis. Was geschieht da eigentlich im Körper, warum wird die Angst so intensiv erlebt, und welche persönlichen Themen hängen mit der aktuellen Belastung zusammen?

Psychotherapie kann helfen, den Kreislauf aus Angst und Vermeidung zu unterbrechen. Mit ihm lässt auch das Misstrauen gegenüber dem eigenen Körper nach.

Gerade zwischen dem 17. und 20. Lebensjahr werden wichtige Weichen gestellt. Angst muss diesen Raum nicht besetzen, in dem eigentlich Freundschaften, Pläne und erste eigene Entscheidungen Platz haben sollten.

Eine Panikattacke kann zum Wendepunkt werden, weil sie Anlass gibt, sich selbst besser kennenzulernen und einen anderen Umgang mit Belastungen zu finden.

„Wer versteht, was im eigenen Körper geschieht, muss sich davor weniger fürchten.“

Wissenschaftliche Grundlage

Quellen

  • AWMF: S3-Leitlinie Behandlung von Angststörungen.
  • American Psychiatric Association: Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM-5-TR).
  • Barlow, D. H.: Anxiety and Its Disorders: The Nature and Treatment of Anxiety and Panic.
  • Craske, M. G. et al.: Forschung zu Angststörungen, Exposition und Lernprozessen.
  • LeDoux, J. E.: Forschung zu neuronalen Grundlagen von Angst und Bedrohungsverarbeitung.
  • Kessler, R. C. et al.: Epidemiologische Forschung zum Beginn psychischer Störungen.
  • Zaccaro, A. et al. (2018). How Breath-Control Can Change Your Life: A Systematic Review on Psycho-Physiological Correlates of Slow Breathing.
  • Ma, X. et al. (2017). The Effect of Diaphragmatic Breathing on Attention, Negative Affect and Stress in Healthy Adults.
  • Lehrer, P. M. & Gevirtz, R. (2014). Heart Rate Variability Biofeedback.

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Grit Kirchner
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