Essstörung Selbsttest: Habe ich eine Essstörung?
Selbsttest: Fragen zu Warnzeichen einer Essstörung
Elf kurze Fragen, die etwa eine Minute dauern. Sie können den Test für sich selbst machen oder für Ihre Tochter oder einen anderen nahen Menschen. Am Ende sehen Sie, ob die Zeichen eher zu Magersucht, Bulimie oder einer Binge-Eating-Störung passen und was der nächste Schritt wäre.
Ihr Ergebnis
Was Sie angegeben haben
Dieser Test ersetzt keine Diagnose. Er ordnet Ihre Angaben entlang der Kriterien ein, nach denen ich im Erstgespräch frage. Ein unauffälliges Ergebnis schließt eine Essstörung nicht aus.
Wofür dieser Test da ist
Der Test hilft Ihnen, Ihre Beobachtungen zu ordnen und einzuschätzen, ob ein Gespräch mit einer Fachperson sinnvoll ist. Er stellt keine Diagnose. Am Ende sehen Sie, zu welchem Bild Ihre Angaben am ehesten passen und was der nächste Schritt wäre.
Die Fragen betreffen Warnzeichen, die bei Magersucht (Anorexia nervosa), Bulimie (Bulimia nervosa) und der Binge-Eating-Störung häufig vorkommen. Fragen und Auswertung beruhen auf meiner Arbeit mit jungen Frauen mit Essstörungen und auf den Diagnosekriterien von ICD-11 und DSM-5, wie sie auch die S3-Leitlinie zugrunde legt. Nach Gewicht, Größe oder BMI frage ich bewusst nicht, weil eine Essstörung bei jedem Gewicht ernst sein kann. Wie der Test aufgebaut ist
Was zu sehen ist und was die Essstörung leisten kann
Über der Wasserlinie: das Verhalten
- Essen wird knapp, heimlich oder nach Regeln
- Kalorien, Waage, Spiegel
- Sport als Pflicht
- Gang ins Bad nach dem Essen
Unter der Wasserlinie: mögliche Funktionen
- Kontrolle, wenn sich sonst vieles entzieht
- Gefühle dämpfen, die zu groß scheinen
- Ein Selbstwert, der sich an einer Zahl auf der Waage festhält
- Ein eigener Bereich, in den niemand hineinredet
- Halt im Umbruch zwischen Kindheit und Erwachsensein
Der Test ist ein Angebot meiner Praxis für Psychotherapie in München-Schwabing. Ich behandle junge Frauen von 17 bis 20 Jahren mit Essstörungen und begleite Eltern im Elterncoaching. Mehr dazu auf meiner Seite Psychotherapie bei Essstörungen in München. Der Bundesfachverband Essstörungen führt meine Praxis als psychotherapeutische Fachpraxis für Essstörungen.
Wann Sie nicht warten sollten: körperliche Warnzeichen
Menschen mit einer Essstörung können körperlich in Gefahr sein, auch wenn sie gesund wirken und ein normales Gewicht haben. Eine ärztliche Untersuchung muss nicht auf einen Therapieplatz warten.
Sofort den Notruf 112 wählen
- Ohnmacht, aus der jemand nicht rasch wieder zu sich kommt, ein Krampfanfall oder Verwirrtheit
- starke Schmerzen in der Brust, starkes Herzrasen oder Herzstolpern, das nicht nachlässt
- Blut im Erbrochenen
- akute Gedanken, sich das Leben zu nehmen
Heute noch ärztlich abklären lassen
Rufen Sie Ihre Hausarztpraxis an und sagen Sie, dass es um Essen und Gewicht geht. Außerhalb der Sprechzeiten erreichen Sie den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116117.
- eine Ohnmacht in den letzten Wochen
- Herzrasen, Herzstolpern oder Schmerzen in der Brust in den letzten Wochen
- kaum noch trinken können oder nichts bei sich behalten
- bei Diabetes: Insulin wird weggelassen oder verringert. Dann bitte heute noch das Diabetesteam oder die Hausarztpraxis anrufen.
- Muskelschwäche, Muskelkrämpfe oder Kribbeln in Händen oder Füßen, wenn jemand häufig erbricht oder Abführmittel nimmt
In den nächsten Tagen ärztlich abklären lassen
In der Hausarztpraxis, bei Jugendlichen auch in der Kinder- und Jugendarztpraxis. Dort lassen sich Puls, Blutdruck und Blutwerte prüfen, bei Bedarf auch das Herz mit einem EKG.
- Schwarzwerden vor Augen beim Aufstehen oder ein auffallend langsamer Puls
- eine deutliche Abnahme innerhalb weniger Wochen
- bei Jugendlichen jede deutliche Abnahme, weil der Körper noch wächst
- bei Jugendlichen: Wachstum oder Entwicklung scheinen zu stocken
- fast tägliches Erbrechen oder fast tägliche Abführ- oder Entwässerungsmittel
- weniger essen und dazu ständiges Frieren oder eine ausbleibende Regel
- fast nichts mehr essen
- Sport über Stunden, auch bei Krankheit oder Verletzung
In den nächsten Wochen abklären lassen
- Erbrechen oder Abführ- oder Entwässerungsmittel, auch wenn es nur ab und zu vorkommt. Dann sollten die Blutwerte geprüft werden.
- eine Regel, die seit drei Monaten oder länger ausbleibt
- ständiges Frieren oder kalte, bläuliche Hände
- eine Abnahme, weil bewusst weniger gegessen wird. Hier gehören Gewichtsverlauf, Puls und Blutwerte in ärztliche Kontrolle.
- weniger essen aus Angst vor Würgen oder Erbrechen, aus Widerwillen gegen viele Lebensmittel oder ohne Appetit. Hier sind zuerst körperliche Ursachen abzuklären.
- Haarausfall, Schäden am Zahnschmelz oder Konzentrationsprobleme zusammen mit weniger Essen
Erbrechen und Abführmittel belasten Herz und Kreislauf, in jedem Alter. Wie ambulante Behandlung und Klinik zusammenhängen, lesen Sie auf meiner Seite zur Psychotherapie bei Essstörungen im Abschnitt wann eine Klinik der passende Rahmen ist.
Hilfe in einer akuten Krise
Wenn Sie daran denken, sich etwas anzutun, oder sich große Sorgen um jemanden machen, sprechen Sie bitte jetzt mit jemandem.
- TelefonSeelsorge: 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222, rund um die Uhr, kostenlos und anonym
- Krisendienst Bayern: 0800 655 3000, rund um die Uhr, für Anrufe aus Bayern, auch für Angehörige
- krisenchat.de: Chat für junge Menschen bis 25, rund um die Uhr
- Nummer gegen Kummer, Kinder- und Jugendtelefon: 116 111, montags bis samstags von 14 bis 20 Uhr
- Bei Lebensgefahr: Notruf 112
Was Sie nach dem Test tun können
Bei körperlichen Warnzeichen kommt die ärztliche Untersuchung zuerst. In allen anderen Fällen ist ein Gespräch mit einer Fachperson ein guter Anfang, auch wenn Sie unsicher sind.
Eine ärztliche Untersuchung
In der Hausarztpraxis oder der Kinder- und Jugendarztpraxis werden Größe, Gewicht, Puls und Blutdruck gemessen und Blutwerte bestimmt, bei Bedarf wird auch ein EKG geschrieben. Sagen Sie am Telefon, dass es um Essen und Gewicht geht. Diese Untersuchung können Sie sofort vereinbaren, unabhängig davon, wann eine Therapie beginnt. Ihre Zusammenfassung aus dem Test können Sie ausdrucken und mitnehmen.
Psychotherapeutische Sprechstunde über 116117
Gesetzlich Versicherte beginnen eine Psychotherapie meist mit einer psychotherapeutischen Sprechstunde. Dafür brauchen Sie keine Überweisung. Einen Termin vermittelt die Terminservicestelle unter 116117 oder online über 116117.de. In der Sprechstunde wird geklärt, ob eine Behandlung nötig ist und welche passt.
Beratung, auch anonym
- Telefonberatung Essstörungen des BIÖG (früher BZgA): 0221 892031, montags bis donnerstags von 10 bis 22 Uhr, freitags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr, für Betroffene und Angehörige. Es gelten die Kosten für einen Anruf ins Kölner Ortsnetz. Auf essstoerungen.bioeg.de finden Sie auch Beratungsstellen in Ihrer Nähe.
- ANAD Versorgungszentrum Essstörungen: Poccistraße 5, 80336 München, 089 219973-0. Beratung anonym und kostenlos am Telefon, auch online und per Video, für Betroffene und Angehörige.
- Cinderella e. V., Beratungsstelle für Essstörungen: Gaßnerstraße 17, 80639 München, 089 502 12 12. Beratung vor Ort und online, auch für Angehörige.
- krisenchat: Chat-Beratung für junge Menschen bis 25 in einer Krise, rund um die Uhr und kostenlos, über krisenchat.de.
Behandlung in meiner Praxis
Ich behandle junge Frauen von 17 bis 20 Jahren mit Essstörungen und begleite Eltern im Elterncoaching. Aktuell sind alle meine Therapieplätze belegt, das kann sich aber kurzfristig ändern. Über das Formular können Sie sich auf die Warteliste setzen lassen. Bitte nutzen Sie die Wege oben parallel.
Anfrage für die Warteliste schreiben
In der Wartezeit
Behalten Sie die ärztliche Begleitung bei, gerade wenn Sie abnehmen oder erbrechen. Wenn sich etwas verschlechtert, gelten die Warnzeichen oben.
Wenn Sie mit jemandem sprechen möchten
Der erste Satz kostet oft Überwindung. Diese Sätze können Ihnen den Anfang erleichtern:
- „Mir geht es mit dem Essen gerade nicht gut. Kannst du mir zuhören?“
- „Ich habe einen Test gemacht, und das Ergebnis beschäftigt mich. Können wir darüber reden?“
- In der Arztpraxis: „Ich mache mir Sorgen um mein Essverhalten und möchte mich untersuchen lassen.“
So funktioniert der Selbsttest
Der Selbsttest stellt elf kurze Fragen und dauert etwa eine Minute. Am Ende sehen Sie, zu welchem Bild Ihre Angaben am ehesten passen und was der nächste Schritt wäre.
Welche Fragen ich stelle
Zuerst wählen Sie, für wen Sie den Test machen, und geben das Alter an. Dann folgen acht Fragen zu Warnzeichen: Gedanken, die um Essen und Gewicht kreisen, strenge Regeln beim Essen, ein deutlicher Gewichtsverlust, die Angst zuzunehmen, wiederkehrende Essanfälle, Gegensteuern nach dem Essen, körperliche Zeichen wie Frieren oder eine ausbleibende Regel und eine Stimmung, die am Gewicht hängt. Zum Schluss frage ich, seit wann Sie das beobachten. Wenn Sie für Ihre Tochter oder einen anderen Menschen antworten, beziehen sich die Fragen auf das, was Sie sehen, und bei jedem Warnzeichen können Sie auch „Weiß ich nicht“ wählen.
Warum ich nicht nach Ihrem Gewicht frage
Das Gewicht allein sagt wenig darüber, wie ernst eine Essstörung ist. Bulimie und Binge-Eating-Störung verlaufen meist bei einem Gewicht im üblichen Bereich. Auch bei einer Magersucht kann der Körper nach schneller Abnahme in Gefahr sein, während die Waage noch unauffällig wirkt. Für Jugendliche gelten eigene Vergleichswerte nach Alter und Geschlecht, und selbst angegebene Werte sind oft ungenau. Deshalb frage ich nach Veränderungen und Verhalten. Gemessen und gewogen wird in der Arztpraxis.
So entsteht Ihr Ergebnis
Die Auswertung läuft in Ihrem Browser. Sie folgt den Merkmalen, nach denen ich im Erstgespräch frage, und den Diagnosekriterien von ICD-11 und DSM-5:
- Ein deutlicher Gewichtsverlust zusammen mit strengen Essregeln oder der Angst zuzunehmen passt zum Bild einer Magersucht.
- Essanfälle mit anschließendem Gegensteuern passen zum Bild einer Bulimie.
- Essanfälle ohne Gegensteuern passen zum Bild einer Binge-Eating-Störung.
- Gegensteuern ohne Essanfälle, etwa durch Erbrechen oder Abführmittel, ist für sich allein schon ein ernstes Warnzeichen.
- Zeigen sich drei oder mehr Zeichen, oder zwei Zeichen schon seit Monaten oder zusammen mit einer Abnahme oder körperlichen Zeichen, ohne dass sich ein klares Bild ergibt, spricht das für ein gestörtes Essverhalten, das Sie ernst nehmen sollten.
Kommen körperliche Zeichen wie Frieren, Schwindel oder eine ausbleibende Regel mit einer Abnahme, strengen Essregeln oder Gegensteuern zusammen, steht im Ergebnis zusätzlich der Hinweis, das zeitnah ärztlich abklären zu lassen. Bei Gegensteuern rät das Ergebnis in jedem Alter zu einer Kontrolle der Blutwerte. Ein unauffälliges Ergebnis ist keine Entwarnung, gerade wenn Sie als Eltern antworten und vieles nicht sehen können. Das Ergebnis ersetzt keine Diagnose. Es ordnet Ihre Angaben ein, damit Sie wissen, ob ein Gespräch sinnvoll ist.
Was mit Ihren Antworten passiert
Ihre Antworten werden in Ihrem Browser ausgewertet und nicht an mich übertragen. Auch im Browser werden sie nicht gespeichert. Wenn Sie die Seite schließen oder neu laden, sind sie weg. Möchten Sie mir danach eine Anfrage schreiben, übernehme ich Ihre Angaben auf Wunsch als Vorschlag ins Formular. Dort können Sie sie ändern oder entfernen. Bei mir kommen sie erst an, wenn Sie das Formular absenden und in die Verarbeitung Ihrer Gesundheitsangaben ausdrücklich einwilligen. Mehr dazu in der Datenschutzerklärung.
Was ist eine Essstörung?
Eine Essstörung ist eine psychische Erkrankung, bei der Essen, Gewicht und Figur über längere Zeit einen großen Teil des Denkens bestimmen und der Alltag darunter leidet. Die Klassifikation ICD-11 der Weltgesundheitsorganisation beschreibt vor allem die Magersucht (Anorexia nervosa, 6B80), die Bulimie (Bulimia nervosa, 6B81), die Binge-Eating-Störung (6B82) und ARFID, die vermeidend-restriktive Ernährungsstörung (6B83). Daneben gibt es Formen, die zu keinem dieser Bilder ganz passen und genauso Behandlung brauchen. Essstörungen beginnen meist in der Jugend oder im jungen Erwachsenenalter und betreffen deutlich häufiger Mädchen und junge Frauen. In Deutschland werden Diagnosen derzeit noch nach der ICD-10 verschlüsselt, dort im Abschnitt F50.
Diät oder Essstörung: Ab wann ist es eine Essstörung?
Von einer Essstörung sprechen Fachleute, wenn auffälliges Essverhalten über Wochen bis Monate anhält und deutlich belastet oder den Alltag einschränkt, etwa in Schule, Ausbildung, Freundschaften oder Familie. Sie achten darauf, wie viel Raum Essen, Gewicht und Figur im Kopf einnehmen, wie oft Essanfälle oder Gegensteuern vorkommen, wie lange das schon so geht und wie sehr es belastet. Für Bulimie und Binge-Eating-Störung nennen die Klassifikationen Essanfälle etwa einmal pro Woche oder öfter, über mindestens einen Monat (ICD-11, Bulimie) bis drei Monate (DSM-5). Bei der Magersucht zählen das starke Einschränken, die Angst vor einer Zunahme und die Folgen für den Körper.
Viele Menschen achten aufs Essen oder machen eine Diät, ohne krank zu sein. Dazwischen liegt ein breiter Bereich, den Fachleute gestörtes Essverhalten nennen, etwa mit strengen Essregeln oder gelegentlichen Essanfällen. Daraus kann sich eine Essstörung entwickeln. Ein Warnzeichen ist, wenn der Selbstwert an Gewicht und Figur hängt oder wenn Sie Ihre Regeln auch dann nicht lockern können, wenn Sie es möchten.
Magersucht, Bulimie, Binge-Eating und weitere Formen im Vergleich
Die Formen unterscheiden sich vor allem darin, ob jemand das Essen stark einschränkt oder Essanfälle hat und ob danach gegengesteuert wird. Die Tabelle fasst die Merkmale nach ICD-11 und DSM-5 zusammen.
| Form | Kennzeichen | Gewicht | Was Angehörige oft zuerst bemerken |
|---|---|---|---|
| Magersucht (Anorexia nervosa), ICD-11 6B80 | isst über längere Zeit deutlich zu wenig, hat große Angst vor einer Zunahme und erlebt den eigenen Körper oft als zu dick | deutlich niedrig für Alter und Größe; nach ICD-11 kann ein schneller, starker Gewichtsverlust das niedrige Gewicht als Merkmal ersetzen | kleinere Portionen, ausgelassene Mahlzeiten, viel Sport, ständiges Frieren, ausbleibende Regel |
| Atypische Magersucht (ICD-11 6B8Y, DSM-5 andere näher bezeichnete Essstörung) | Zeichen wie bei der Magersucht | trotz deutlicher Abnahme im üblichen Bereich oder darüber | eine starke Abnahme, die von außen oft zuerst gelobt wird |
| Bulimie (Bulimia nervosa), ICD-11 6B81 | Essanfälle mit Kontrollverlust, danach Gegensteuern durch Erbrechen, Abführmittel, Fasten oder Sport | meist im üblichen Bereich | Gänge ins Bad direkt nach dem Essen, verschwundene Vorräte |
| Binge-Eating-Störung, ICD-11 6B82 | wiederholte Essanfälle mit Kontrollverlust über Monate, ohne regelmäßiges Gegensteuern, mit deutlichem Leidensdruck | üblich oder höher | heimliches Essen, Verpackungen im Zimmer, Rückzug nach dem Essen |
| Purging-Störung (ICD-11 6B8Y, DSM-5 andere näher bezeichnete Essstörung) | Gegensteuern, vor allem Erbrechen, ohne vorherige Essanfälle | meist im üblichen Bereich | Gänge ins Bad nach normalen Mahlzeiten |
| ARFID, vermeidend-restriktive Ernährungsstörung, ICD-11 6B83 | meidet oder begrenzt Essen ohne Sorge um Figur oder Gewicht, etwa aus Angst vor Würgen oder wegen Widerwillen gegen Geschmack oder Beschaffenheit | oft niedrig; bei Jugendlichen fehlende Zunahme | sehr wenige akzeptierte Lebensmittel, Angst beim Essen |
Magersucht (Anorexia nervosa): woran man sie erkennt
Bei einer Magersucht essen Betroffene so wenig, dass das Gewicht deutlich sinkt oder bei Jugendlichen nicht mehr altersgemäß steigt. Dahinter steht meist große Angst zuzunehmen, und Gewicht und Figur bestimmen, wie jemand sich selbst bewertet. Viele erleben sich dabei lange als gesund und diszipliniert. Manche haben zusätzlich Essanfälle oder steuern mit Erbrechen oder viel Sport gegen. Bei der atypischen Magersucht sind alle Merkmale da, während das Gewicht noch im üblichen Bereich liegt, oft nach einer Abnahme von einem höheren Gewicht aus. Körperlich kann das ähnlich belastend sein (S3-Leitlinie Essstörungen, mit Bezug auf Sawyer et al. 2016).
Bei sich selbst merken Sie es oft daran, dass Gedanken an Essen und Kalorien viel Raum einnehmen und Sie feste Regeln und Verbote haben. Sie finden sich zu dick, obwohl andere Sie dünn finden. Sie frieren oft, und die Regel bleibt aus.
Eltern fällt oft auf, dass Mahlzeiten ausgelassen oder allein gegessen werden. Portionen werden kleiner, Lebensmittel verschwinden vom Speiseplan. Ihre Tochter trägt weite Kleidung, treibt viel Sport, auch wenn sie krank ist, und ist rund ums Essen gereizt oder zieht sich zurück.
Vertiefend: mein Beitrag Magersucht verstehen.
Bulimie (Bulimia nervosa): woran man sie erkennt
Bei einer Bulimie kommt es wiederholt zu Essanfällen, bei denen Betroffene die Kontrolle verlieren. Die Menge muss dafür nicht riesig sein. Danach steuern sie gegen, zum Beispiel durch Erbrechen, Abführmittel, lange Essenspausen oder sehr viel Sport. Das Gewicht liegt meist im üblichen Bereich, deshalb bleibt die Erkrankung oft lange unbemerkt. Scham spielt eine große Rolle. Umgangssprachlich heißt die Bulimie auch Ess-Brech-Sucht. Mit einer Sucht im engeren Sinn hat sie aber wenig zu tun, fachlich gehört sie zu den Essstörungen. Erbrechen und Abführmittel können den Salzhaushalt stören und das Herz belasten, eine Kontrolle der Blutwerte ist darum immer sinnvoll.
Bei sich selbst bemerken Sie Essanfälle, bei denen Sie das Gefühl haben, nicht aufhören zu können, und danach den Drang, das Gegessene wieder loszuwerden. Gedanken an Figur und Gewicht nehmen viel Raum ein, und vieles geschieht heimlich.
Eltern bemerken eher Gänge ins Bad direkt nach dem Essen und verschwundene Vorräte, manchmal geschwollene Wangen, Zahnschäden oder ein schwankendes Gewicht.
Binge-Eating-Störung: woran man sie erkennt
Bei der Binge-Eating-Störung kommt es wiederholt zu Essanfällen mit Kontrollverlust, ohne dass Betroffene regelmäßig gegensteuern. Gegessen wird oft schnell, ohne Hunger und allein. Danach folgen Scham, Ekel oder Schuldgefühle. Die Störung kommt bei jedem Gewicht vor, häufig auch bei höherem Gewicht. Sie ist eine eigene Erkrankung. Viele Betroffene halten sich lange für willensschwach und suchen deshalb spät Hilfe. Mein Selbsttest fragt nach wiederkehrenden Essanfällen, etwa einmal pro Woche oder öfter.
Bei sich selbst bemerken Sie Essanfälle etwa jede Woche oder öfter, mit dem Gefühl, die Kontrolle zu verlieren. Viele essen gegen Anspannung oder innere Leere und ziehen sich danach aus Scham zurück.
Eltern finden verschwundene Vorräte oder Verpackungen im Zimmer, bemerken heimliches Essen oder eine gedrückte Stimmung nach dem Essen.
ARFID, Purging-Störung und andere Essstörungen
Nicht jede Essstörung passt in eines dieser Bilder. Bei ARFID essen Betroffene zu wenig oder sehr einseitig, ohne dass es um Gewicht oder Figur geht. Gründe sind etwa die Angst vor Würgen oder Erbrechen, ein starker Widerwille gegen viele Lebensmittel oder wenig Interesse am Essen. ARFID beginnt oft schon in der Kindheit und wird leicht mit Magersucht verwechselt. Die Behandlung setzt an anderen Punkten an, deshalb muss sie genau abgeklärt werden, meist zuerst in der Kinder- und Jugendarztpraxis oder einer Spezialambulanz.
Bei der Purging-Störung erbrechen Betroffene oder nehmen Abführmittel, ohne vorher Essanfälle zu haben. Auch Bulimie oder Binge-Eating mit selteneren Anfällen gehören zu den anderen näher bezeichneten Essstörungen. Diese Formen sind genauso ernst zu nehmen.
Kann man eine Essstörung haben, ohne untergewichtig zu sein?
Ja, eine Essstörung ist bei jedem Gewicht möglich. Bulimie und Binge-Eating-Störung verlaufen meist bei einem Gewicht im üblichen Bereich oder darüber. Bei der atypischen Magersucht zeigt jemand alle Zeichen einer Magersucht und hat deutlich abgenommen, während das Gewicht noch im üblichen Bereich liegt. Körperlich kann das ähnlich belastend sein wie eine Magersucht mit Untergewicht (S3-Leitlinie Essstörungen, mit Bezug auf Sawyer et al. 2016). Für die körperliche Gefahr zählt vor allem, wie schnell und wie viel jemand abnimmt und ob mit Erbrechen, Abführ- oder Entwässerungsmitteln gegengesteuert wird.
Viele Betroffene haben das Gefühl, für Hilfe „nicht krank genug“ zu sein. Ein Gespräch mit einer Fachperson ist auch dann sinnvoll.
Für Eltern: Hat meine Tochter eine Essstörung?
Ob Ihre Tochter eine Essstörung hat, kann nur eine Untersuchung zeigen. Ihre Beobachtungen sind oft der Anfang dazu. Viele Eltern merken früh, dass sich etwas verändert, und zweifeln dann an ihrer Wahrnehmung. Im Selbsttest können Sie aus Ihrer Sicht antworten. Die Fragen beziehen sich dann auf das, was Sie im Alltag beobachten, und bei jeder Frage zu den Warnzeichen können Sie „Weiß ich nicht“ wählen.
Selbsttest aus Elternsicht beginnen
Woran Eltern eine Essstörung bemerken können
Oft fällt Eltern zuerst etwas am Verhalten auf, lange bevor sich das Gewicht sichtbar ändert. Wenn Sie so etwas über Wochen beobachten, ist das ein Grund, genauer hinzusehen:
- Mahlzeiten werden ausgelassen, verschoben oder allein gegessen.
- Lebensmittel verschwinden nach und nach vom Speiseplan, jedes Mal mit einer guten Begründung.
- Ihre Tochter geht direkt nach dem Essen ins Bad.
- Vorräte fehlen, Verpackungen tauchen im Zimmer auf.
- Sport wird zur Pflicht, auch bei Erkältung oder Verletzung.
- Kleidung sitzt weiter, sie friert ständig, die Regel bleibt aus.
- Ihre Stimmung hängt an Waage und Spiegel, rund ums Essen gibt es Streit oder Rückzug.
- Am Handy dreht sich vieles um Diäten, Fitness oder Kalorien, etwa mit einer Zähl-App oder ständigen Vergleichen mit Bildern anderer.
Wie Sie Ihre Tochter ansprechen
Wählen Sie einen ruhigen Moment abseits der Mahlzeiten. Sprechen Sie von dem, was Sie beobachten, und lassen Sie Gewicht, Figur und Kalorien aus dem Gespräch heraus, auch lobende Bemerkungen. Rechnen Sie damit, dass Ihre Tochter abwehrt oder wütend wird. Das kommt am Anfang oft vor und ist noch keine endgültige Antwort. Schlagen Sie einen konkreten nächsten Schritt vor, etwa einen gemeinsamen Termin in der Hausarztpraxis.
Sätze, die einen Anfang machen können:
- „Mir ist aufgefallen, dass du abends kaum noch mit uns isst. Ich mache mir Sorgen um dich.“
- „Du musst mir jetzt nichts erklären. Ich möchte, dass du weißt, dass du jederzeit mit mir reden kannst.“
- „Ich wünsche mir, dass du dich einmal ärztlich untersuchen lässt. Wenn du magst, komme ich mit.“
Weitere erste Schritte für Eltern beschreibe ich auf meiner Seite zur Psychotherapie bei Essstörungen.
Wenn Ihre Tochter volljährig ist und keine Hilfe will
Ab 18 entscheidet Ihre Tochter selbst über Untersuchung und Behandlung, und Ärzte oder Therapeuten dürfen Ihnen ohne ihr Einverständnis nichts über sie sagen. Für Ihre Tochter bleiben Sie trotzdem wichtig. Sie können im Kontakt bleiben, Ihre Sorge klar aussprechen, Begleitung zu einem Termin anbieten und dort Grenzen setzen, wo das Zusammenleben es braucht. Bei akuter Gefahr für ihr Leben wählen Sie 112. Beraten lassen können Sie sich rund um die Uhr bei der TelefonSeelsorge (0800 111 0 111), aus Bayern auch beim Krisendienst Bayern (0800 655 3000), der ausdrücklich Angehörige berät. Wie Eltern in dieser Lage handlungsfähig bleiben, beschreibe ich im Beitrag Tochter lehnt Therapie ab: Was Eltern jetzt tun können. Im Elterncoaching arbeite ich mit Eltern an dieser Frage.
Wenn Ihre Tochter jünger als 17 ist
Mein Therapieangebot richtet sich an junge Frauen ab 17. Für jüngere Mädchen ist die Kinder- und Jugendarztpraxis der erste Schritt. Sie kann auch an eine Kinder- und Jugendpsychiatrie oder eine spezialisierte Ambulanz überweisen. Beratung für Eltern bieten das Elterntelefon der Nummer gegen Kummer (0800 111 0 550) und die Telefonberatung Essstörungen des BIÖG (0221 892031), in München außerdem ANAD. In einer akuten Notlage hilft in München die Notfallambulanz der Kinder- und Jugendpsychiatrie am kbo-Heckscher-Klinikum, rund um die Uhr nach vorherigem Anruf unter 089 9999-0. Außerhalb von München wenden Sie sich an die nächstgelegene Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, bei Lebensgefahr an den Notruf 112.
Sind Eltern schuld an einer Essstörung?
Essstörungen entstehen aus vielen Einflüssen zusammen, darunter erbliche Anlagen, Persönlichkeit, Belastungen und das Umfeld. Fachgesellschaften weisen die Vorstellung zurück, Familien seien die Hauptursache (Academy for Eating Disorders, le Grange et al. 2010). Für die Behandlung sind Eltern oft eine wichtige Stütze, gerade bei Jugendlichen. Wenn Schuldgefühle Sie belasten, kann eine Beratungsstelle oder das Elterncoaching helfen, damit umzugehen.
Hilfe für Sie selbst
Die Telefonberatung Essstörungen des BIÖG (0221 892031) berät ausdrücklich auch Angehörige. Das Elterntelefon der Nummer gegen Kummer erreichen Sie unter 0800 111 0 550. In München hat ANAD Angebote für Angehörige. In meinem Elterncoaching geht es darum, wie Sie Ihre Tochter begleiten und den Weg zu einer Behandlung unterstützen können. Das Elterncoaching ist eine Selbstzahlerleistung.
Wie zuverlässig ist ein Online-Test für Essstörungen?
Ein Online-Test kann Warnzeichen sichtbar machen. Ob eine Essstörung vorliegt, stellt eine Fachperson nach Gespräch und Untersuchung fest. Wie gut ein kurzer Fragebogen trifft, hängt stark davon ab, wer ihn ausfüllt.
Was Studien zu kurzen Fragebögen zeigen
Der bekannteste Kurzfragebogen ist der SCOFF aus Großbritannien. In Studien mit Erwachsenen erkannte er von 100 Menschen mit Essstörung etwa 84. Von 100 Menschen ohne Essstörung bekamen etwa 20 ebenfalls ein auffälliges Ergebnis (US Preventive Services Task Force 2022). In einer repräsentativen Befragung in Deutschland mit 2.527 Menschen zwischen 14 und 95 Jahren erkannte er nur etwa 26 von 100 Menschen mit gestörtem Essverhalten (Richter et al. 2017). Bei jungen Frauen arbeitet er genauer als in der Gesamtbevölkerung (S3-Leitlinie Essstörungen). In Studien mit vielen Männern oder mit Binge-Eating-Störung war er tendenziell weniger treffsicher (Kutz et al. 2020).
Ein auffälliges Ergebnis ist also ein Grund, genauer hinschauen zu lassen, ein unauffälliges schließt eine Essstörung nicht aus. Mein Selbsttest beruht auf meiner Erfahrung aus der Arbeit mit jungen Frauen mit Essstörungen und auf den Diagnosekriterien von ICD-11 und DSM-5. In Studien geprüft ist er nicht.
Bekannte Fragebögen im Vergleich
| Fragebogen | Umfang | Was er erfasst | Grenzen | Einsatz |
|---|---|---|---|---|
| SCOFF (Morgan, Reid und Lacey 1999), deutsche Fassung von Richter et al. 2017 | 5 Ja/Nein-Fragen | Hinweise auf Magersucht und Bulimie | bei Binge-Eating-Störung und bei Männern tendenziell weniger treffsicher; in der Gesamtbevölkerung niedrige Trefferquote | Früherkennung in Praxen und Studien |
| EAT-26 (Garner et al. 1982) | 26 Aussagen mit sechs Antwortstufen | Einstellungen und Verhalten rund ums Essen | nennt keine Form; Nutzung im Internet nur mit Erlaubnis der Rechteinhaber | Früherkennung, Forschung |
| EDE-Q, Kurzform EDE-Q8 (Hilbert und Tuschen-Caffier; Kliem et al. 2016) | 28 bzw. 8 Fragen | Ausprägung typischer Gedanken und Verhaltensweisen; für die Kurzform gibt es deutsche Vergleichswerte | frei nur für nicht kommerzielle Forschung | Diagnostik und Verlauf in Praxis und Klinik |
| BEDS-7 (Herman et al. 2016) | 7 Fragen | Hinweise auf eine Binge-Eating-Störung | keine geprüfte deutsche Fassung bekannt | Forschung, englischsprachig |
| Elternfragebögen (z. B. ABOS, deutsche Kurzform EAQP) | unterschiedlich, die Kurzform 10 Fragen | Sicht der Eltern auf das Essverhalten des Kindes | keine Diagnose; heimliches Verhalten wie Essanfälle oder Erbrechen sehen Eltern oft nicht | Forschung, Klinik |
| Diagnostisches Interview (z. B. Eating Disorder Examination) | Gespräch mit einer Fachperson | alle Kriterien einschließlich Dauer und Leidensdruck | braucht Zeit und Fachpersonal | Grundlage einer Diagnose |
Wie dieser Test aufgebaut ist
Die elf Fragen habe ich selbst formuliert, aus dem, was ich in Erstgesprächen mit jungen Frauen und ihren Eltern immer wieder höre, und entlang der Merkmale, mit denen die Klassifikationen ICD-11 und DSM-5 Essstörungen beschreiben. Die Fassung für Eltern und Angehörige fragt nach dem, was man von außen sehen kann, und lässt bei jedem Warnzeichen „Weiß ich nicht“ zu. Weil die Fragen nicht in Studien geprüft sind, gibt der Test eine Orientierung für den nächsten Schritt und mehr nicht.
Grundlage ist die S3-Leitlinie „Diagnostik und Behandlung der Essstörungen“ (AWMF 051-026) in der Fassung von 2018. Eine Neufassung ist in Arbeit. Fachlich geprüft am 14.10.2026 von Grit Kirchner.
Essstörungen in Deutschland: Zahlen mit Quelle
Essstörungen betreffen in Deutschland vor allem Mädchen und junge Frauen: Etwa 48 von 100 Krankenhausbehandlungen wegen einer Essstörung entfielen 2024 auf Mädchen zwischen 10 und 17 Jahren. Die folgenden Zahlen stammen aus amtlicher Statistik und großen Studien. Werte aus Kurzfragebögen zeigen Hinweise auf gestörtes Essverhalten und sind keine Diagnosen.
- 48 von 100
- Etwa 48 von 100 Krankenhausbehandlungen wegen einer Essstörung betrafen 2024 Mädchen zwischen 10 und 17 Jahren. 2004 waren es etwa 25 von 100. Insgesamt zählte das Statistische Bundesamt 2024 rund 12.400 solcher Behandlungsfälle, 93 von 100 davon bei Mädchen und Frauen. Eine Person kann dabei mehrfach gezählt sein. (Statistisches Bundesamt, Zahl der Woche vom 11.08.2026)
- 23 von 100
- Etwa 23 von 100 Mädchen zwischen 12 und 17 Jahren zeigten 2023 in einer repräsentativen Befragung Hinweise auf ein gestörtes Essverhalten, bei jungen Erwachsenen zwischen 16 und 29 Jahren ebenfalls etwa 23 von 100. (König et al. 2024)
- 26 von 100
- Etwa 26 von 100 Menschen mit gestörtem Essverhalten erkannte der Kurzfragebogen SCOFF in einer repräsentativen Befragung in Deutschland. Ein unauffälliges Testergebnis schließt eine Essstörung deshalb nicht aus. (Richter et al. 2017)
Häufige Fragen zum Selbsttest und zu Essstörungen
Ist der Selbsttest kostenlos und anonym?
Der Test ist kostenlos, und Sie brauchen weder Namen noch E-Mail-Adresse. Ihre Antworten werden in Ihrem Browser ausgewertet und nicht an mich übertragen. Wenn Sie die Seite schließen, sind sie weg. Wie bei jeder Website erscheint der Besuch in Ihrem Browserverlauf. Wenn Sie das nicht möchten, öffnen Sie die Seite in einem privaten Fenster.
Gibt es einen eigenen Magersucht-Test, Bulimie-Test oder Binge-Eating-Test?
Mein Selbsttest fragt die Warnzeichen von Magersucht, Bulimie und Binge-Eating-Störung gemeinsam ab und zeigt am Ende, zu welchem Bild Ihre Angaben am ehesten passen. Das ist sinnvoll, weil sich die Zeichen der Formen überschneiden, etwa bei Essanfällen. Welche Form tatsächlich vorliegt, klärt eine Untersuchung. Woran sich die Formen unterscheiden, lesen Sie im Vergleich der Essstörungen.
Kann man eine Essstörung haben, ohne es zu merken?
Ja, das kommt häufig vor. Viele Betroffene erleben ihr Essverhalten lange als Kontrolle oder Disziplin, und bei der Magersucht gehört es zum Krankheitsbild, dass Betroffene die Gefahr oft nicht sehen. Deshalb fallen die ersten Zeichen oft Eltern, Freundinnen oder der Hausärztin auf. Wenn andere Sie auf Ihr Essen ansprechen, nehmen Sie das ernst.
Ab welchem BMI spricht man von Magersucht?
Fachleute achten auf ein deutlich niedriges Gewicht im Verhältnis zu Alter und Größe. Bei Jugendlichen nutzen sie dafür Alterskurven, bei Erwachsenen einen Grenzwert der Klassifikation ICD-11. Ein schneller, starker Gewichtsverlust zählt ebenso, auch wenn das Gewicht noch im üblichen Bereich liegt. Eine Zahl auf der Waage reicht deshalb nie aus, um eine Magersucht festzustellen oder auszuschließen. Die Messung gehört in die Hausarztpraxis oder die Kinder- und Jugendarztpraxis.
Ab welchem Gewicht ist eine Klinik nötig?
Das entscheidet keine einzelne Zahl. Die S3-Leitlinie nennt neben sehr niedrigem Gewicht auch schnellen oder anhaltenden Gewichtsverlust, eine fehlende Zunahme trotz ambulanter Behandlung, körperliche Komplikationen, schweres Erbrechen oder Abführmittelgebrauch, der sich ambulant nicht bremsen lässt, und Suizidgefahr. Ob eine Klinik nötig ist, klären die ärztliche Untersuchung und die psychotherapeutische Einschätzung gemeinsam. Mehr dazu auf meiner Seite im Abschnitt ambulante Therapie oder Klinik.
Wer stellt die Diagnose, und wie läuft sie ab?
Essstörungen diagnostizieren Ärzte und Psychotherapeuten im persönlichen Gespräch, oft mit Hilfe von Fragebögen. Dazu gehört immer eine ärztliche Untersuchung mit Gewicht, Puls, Blutdruck und Blutwerten, bei Bedarf mit EKG. Bei gesetzlich Versicherten hole ich vor Beginn einer Psychotherapie einen ärztlichen Bericht ein, der körperliche Ursachen abklärt. Diese Untersuchung können Sie schon jetzt in Ihrer Hausarztpraxis anstoßen, auch während Sie auf einen Therapieplatz warten.
Ist eine Essstörung heilbar?
Viele Menschen erholen sich von einer Essstörung, oft braucht der Weg Zeit. Für Essstörungen gibt es wirksame Behandlungen, und die S3-Leitlinie nennt Psychotherapie als Behandlung der ersten Wahl. Wie lange eine Behandlung im Einzelfall dauert, lässt sich vorab nicht seriös sagen.
Zahlt die Krankenkasse eine Psychotherapie bei Essstörungen?
Gesetzlich Versicherte nehme ich auf. Den genauen Abrechnungsweg besprechen wir im ersten Gespräch. Bei privaten Versicherungen hängt die Übernahme vom Tarif ab. Das Elterncoaching ist eine Selbstzahlerleistung. Mehr dazu unter Kosten und Ablauf.
Kann ich den Test für meine Tochter machen, ohne dass sie davon weiß?
Ja. Der Test fragt nach dem, was Sie beobachten, und bleibt in Ihrem Browser. Im Gespräch mit Ihrer Tochter sprechen Sie von Ihren eigenen Beobachtungen und Ihrer Sorge. Ein Testergebnis wirkt auf viele Jugendliche wie ein Urteil.
Mein Ergebnis ist unauffällig, aber ich bin unsicher. Was jetzt?
Nehmen Sie Ihr Gefühl ernst. Kurze Tests übersehen einen Teil der Betroffenen, und manche Zeichen zeigen sich erst später. Ein Gespräch in der Hausarztpraxis oder mit der Telefonberatung Essstörungen des BIÖG (0221 892031) ist auch ohne auffälliges Ergebnis sinnvoll.
Ich mache mir Sorgen um eine Freundin, meine Schwester oder meinen Partner. Was kann ich tun?
Sprechen Sie die Person in einem ruhigen Moment unter vier Augen an. Sagen Sie, was Sie beobachtet haben und dass Sie sich Sorgen machen. Bemerkungen zu Gewicht und Figur lassen Sie dabei besser weg. Rechnen Sie damit, dass sie zuerst abwehrt. Bieten Sie an, sie zu einem Arzttermin zu begleiten. Beratung für Angehörige, Freunde und Partner gibt es bei der Telefonberatung Essstörungen des BIÖG (0221 892031). Im Selbsttest können Sie „Für einen anderen nahen Menschen“ wählen und aus Ihrer Sicht antworten. Was Sie nicht wissen, beantworten Sie mit „Weiß ich nicht“.
Über diese Seite
Veröffentlicht am 21.10.2026. Zuletzt fachlich geprüft am 14.10.2026 von Grit Kirchner. Nächste geplante Prüfung: April 2027.
Grundlagen sind die S3-Leitlinie „Diagnostik und Behandlung der Essstörungen“ (AWMF 051-026, Fassung 2018, eine Neufassung ist in Arbeit, Stand Oktober 2026), die ICD-11, das DSM-5 und die Studien im Quellenverzeichnis. Die Telefonnummern und Zeiten der Anlaufstellen habe ich am 14.10.2026 geprüft. Ich prüfe diese Seite alle sechs Monate und zusätzlich, sobald die neue Leitlinie erscheint.
Änderungen
- 21.10.2026: Seite veröffentlicht.
Quellen
- Statistisches Bundesamt (2026): Zahl der Woche Nr. 33 vom 11. August 2026, Krankenhausbehandlungen wegen Essstörungen.
- König L., Schröder R., Hamer T., Suhr R. (2024): Eating disorders and health literacy in Germany: results from two representative samples of adolescents and adults. Frontiers in Psychology.
- Morgan J. F., Reid F., Lacey J. H. (1999): The SCOFF questionnaire: assessment of a new screening tool for eating disorders. BMJ 319, 1467 bis 1468.
- Richter F., Strauss B., Braehler E., Adametz L., Berger U. (2017): Screening disordered eating in a representative sample of the German population: Usefulness and psychometric properties of the German SCOFF questionnaire. Eating Behaviors 25, 81 bis 88.
- US Preventive Services Task Force (2022): Screening for Eating Disorders in Adolescents and Adults. Final Evidence Summary.
- Kutz A. M. et al. (2020): Eating Disorder Screening: a Systematic Review and Meta-analysis of Diagnostic Test Characteristics of the SCOFF. Journal of General Internal Medicine 35(3), 885 bis 893.
- AWMF (2018, in Überarbeitung): S3-Leitlinie Diagnostik und Behandlung der Essstörungen, Registernummer 051-026.
- AWMF: Patientenleitlinie Diagnostik und Behandlung von Essstörungen.
- Weltgesundheitsorganisation: ICD-11, Kapitel Fütter- und Essstörungen (6B80 bis 6B8Z).
- Sawyer S. M., Whitelaw M., Le Grange D., Yeo M., Hughes E. K. (2016): Physical and psychological morbidity in adolescents with atypical anorexia nervosa. Pediatrics.
- le Grange D., Lock J., Loeb K., Nicholls D. (2010): Academy for Eating Disorders position paper: the role of the family in eating disorders. International Journal of Eating Disorders 43(1), 1 bis 5.
- Garner D. M. et al. (1982): Eating Attitudes Test (EAT-26).
- Kliem S. et al. (2016): The eating disorder examination-questionnaire 8: A brief measure of eating disorder psychopathology (EDE-Q8). International Journal of Eating Disorders.
- Herman B. K. et al. (2016): Development of the 7-Item Binge-Eating Disorder Screener (BEDS-7).
- American Psychiatric Association (2013): Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, Fifth Edition (DSM-5).
- Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG, früher BZgA): Essstörungen, Information und Beratung.
- Bruch H. (1962): Perceptual and Conceptual Disturbances in Anorexia Nervosa. Psychosomatic Medicine 24, 187 bis 194. Ausführlicher in Bruch H. (1978): The Golden Cage. The Enigma of Anorexia Nervosa, Harvard University Press, deutsch: Der goldene Käfig. Das Rätsel der Magersucht, Fischer Taschenbuch.