Blog11 Min. LesezeitZuletzt aktualisiert: 21. Oktober 2026

Wenn Gefühle keinen Raum bekommen

Warum Validierung in der Psychotherapie so wichtig ist und weshalb sie nicht Zustimmung bedeutet

Gefühle verstehen · Bindung & Beziehung

Was geschieht, wenn ein Mensch mit seinem inneren Erleben nicht gesehen wird? Über eine therapeutische Haltung, die viel verändert, und über den Unterschied zwischen Verstehen und Zustimmen.

„Ich schaffe das alles nicht mehr“, sagt Hanna beim Abendessen. Sie ist achtzehn, das Abitur steht bevor, seit Wochen schläft sie schlecht.

Die Antwort kommt schnell: „Jetzt mach dich nicht verrückt. Du hast doch bisher jede Prüfung geschafft.“ Ihre Mutter meint das nicht böse. Sie möchte beruhigen, und vermutlich beruhigt sie damit auch die eigene Sorge. Für Hanna aber ist das Gespräch an dieser Stelle vorbei. Sie räumt ihren Teller weg und nimmt die Angst mit in ihr Zimmer.

Hanna gibt es so nicht; wie immer ist ihre Geschichte aus mehreren Behandlungsverläufen zusammengesetzt und verfremdet. Die Szene selbst dürfte trotzdem vielen bekannt vorkommen, von der einen oder der anderen Seite des Tisches aus.

Monate später, in der Therapie, wird Hanna über diese Abende sagen:

„Irgendwann habe ich aufgehört, überhaupt noch etwas zu sagen.“

Hanna, 18

Sätze wie „Das ist doch gar nicht so schlimm“ oder „Du hast doch keinen Grund, so zu reagieren“ fallen selten aus Kälte. Meistens stecken Hilflosigkeit oder Fürsorge dahinter. Und doch hinterlassen sie etwas. Oft ist es nämlich gar nicht das Problem selbst, das am tiefsten verletzt, sondern die Erfahrung, mit dem eigenen Gefühl allein zu bleiben.

Für das, was stattdessen möglich wäre, gibt es in der Psychotherapie einen etwas sperrigen Namen: Validierung.

Warum wir Resonanz brauchen

Menschen sind auf Zugehörigkeit angelegt, von Anfang an. Zu diesem Grundbedürfnis gehört mehr als Nähe und Versorgung. Es gehört dazu, dass unser Inneres bei einem anderen Menschen ankommt und eine Antwort findet.

Unser Bild von uns selbst entsteht zu einem großen Teil darüber, wie wichtige Menschen auf uns reagieren. Bezugspersonen wirken wie ein Spiegel: Das Kind erlebt sein eigenes Gefühl im Gesicht und in der Stimme der Mutter oder des Vaters wieder, benannt und ein Stück weit geordnet. Ich sehe dich. Ich nehme wahr, was in dir passiert. Dein Erleben ist nicht lächerlich und nicht falsch. Kein Elternteil sagt diese Sätze wörtlich, aber eine gelingende Spiegelung transportiert genau das.

Der Bindungsforscher Peter Fonagy hat beschrieben, wie eng diese frühe Spiegelung mit der Fähigkeit zusammenhängt, eigene Gefühle später erkennen und regulieren zu können. Ausführlicher gehe ich darauf in den Beiträgen Das erste Vertrauen und Ich fühle nichts oder alles auf einmal ein.

Interessant wird es dort, wo der Spiegel regelmäßig verzerrt oder die Spiegelung ausbleibt. Wo auf Angst mit Ungeduld geantwortet wird, auf Traurigkeit mit guten Ratschlägen, auf Wut mit Strafe. Das Bedürfnis nach Resonanz verschwindet dadurch nicht. Es bleibt bestehen und sucht sich andere Wege.

Was Validierung bedeutet und was nicht

Validieren heißt wörtlich: für gültig erklären. In der Psychotherapie meint es, das Erleben eines Menschen als nachvollziehbar anzuerkennen. Nicht als angemessen, nicht als berechtigt in jeder Konsequenz, sondern zunächst einmal als das, was es ist: eine wirkliche innere Erfahrung, die einen Zusammenhang hat.

Systematisch ausgearbeitet hat dieses Konzept die amerikanische Psychologin Marsha M. Linehan, die Begründerin der Dialektisch-Behavioralen Therapie (DBT). Bei ihr ist Validierung keine freundliche Beigabe, sondern eine eigenständige therapeutische Intervention, so wichtig wie jede Übung und jede Technik.

Das größte Missverständnis dabei lautet: Wer validiert, gibt recht. Das stimmt nicht. Ich kann anerkennen, dass ein Gefühl da ist und dass es aus der Geschichte eines Menschen heraus Sinn ergibt, ohne seine Interpretation der Lage zu übernehmen, ohne sein Verhalten gutzuheißen und ohne meine eigene Grenze aufzugeben.

Der Satz, auf den sich das verdichten lässt: Ein Gefühl kann verständlich sein, auch wenn die Handlung, die daraus entsteht, nicht akzeptabel ist.

„Ich verstehe, dass du gerade wütend bist“ bedeutet eben nicht „Deshalb darfst du mich anschreien.“ Beides hat nebeneinander Platz.

Invalidierung: wenn das innere Erleben korrigiert wird

Das Gegenstück zur Validierung hat viele Gesichter, und die wenigsten davon sind böswillig. Am häufigsten begegnet mir das Bagatellisieren: „Dafür gibt es doch keinen Grund.“ Gleich daneben liegt der Vergleich mit anderen, die es angeblich schwerer haben, und das Beschwichtigen nach dem Muster „Jetzt beruhig dich erst einmal“. Manchmal ist es auch nur ein Ratschlag, der so früh kommt, dass das Gefühl gar nicht erst zu Wort gekommen ist.

Gemeinsam ist diesen Reaktionen eine stille Botschaft: Dein inneres Erleben ist so nicht richtig. Es müsste kleiner sein, vernünftiger, besser begründet.

Wer solche Antworten immer wieder bekommt, zieht daraus mit der Zeit Schlüsse, meist ohne es zu merken. Der Mensch beginnt, der eigenen Wahrnehmung weniger zu trauen. Aus „Ich habe Angst“ wird „Darf ich das überhaupt fühlen?“, aus Traurigkeit wird die Frage „Bin ich zu empfindlich?“. Das eigene Innere wird zu einer unzuverlässigen Quelle, die ständig von außen überprüft werden muss.

In der Adoleszenz wiegt das besonders schwer. Zwischen siebzehn und zwanzig geht es um Ablösung und Identität, das emotionale Erleben ist in dieser Zeit ohnehin intensiver und verletzlicher. Wer gerade herausfindet, wer er ist, braucht die eigenen Gefühle als Kompass. Wird dieser Kompass immer wieder für defekt erklärt, bleibt nur, sich an anderen zu orientieren. Das macht auf Dauer sehr unsicher.

Wenn Gefühle lauter werden müssen, um gehört zu werden

Ein Gefühl, das keine Resonanz findet, verschwindet nicht einfach. Häufig wird es lauter.

Diese Dynamik lässt sich in vielen Familien beobachten. Am Anfang steht ein leises Signal, eine Bemerkung beim Abendessen, ein Rückzug, ein gereizter Ton. Bleibt die Antwort aus oder fällt sie korrigierend aus, folgt ein stärkeres Signal. Irgendwann steht der Konflikt im Raum, mit Türenknallen und Vorwürfen, und alle Beteiligten fragen sich, wie es so weit kommen konnte. Dabei hat sich das Gefühl nur den Weg gesucht, der ihm geblieben ist.

Bei psychisch belasteten jungen Menschen kann diese Dynamik in Symptome münden: in Ängste, in Rückzug, in selbstverletzendes Verhalten, manchmal auch in eine Essstörung, wie ich sie im Beitrag Magersucht verstehen beschreibe. Das Symptom erledigt dann, was mit Worten nicht gelungen ist: Es zwingt das Umfeld, hinzusehen.

Wichtig ist mir hier eine Differenzierung. Kein Symptom entsteht, nur weil jemand nicht validiert wurde. Psychische Erkrankungen haben immer mehrere Wurzeln, biologische Veranlagung gehört dazu, Lebensereignisse ebenso. Linehans biosoziale Theorie beschreibt das Zusammenspiel: Eine hohe emotionale Verletzlichkeit trifft auf ein Umfeld, das mit diesem Erleben überfordert ist und es immer wieder zurückweist. Invalidierende Beziehungserfahrungen verursachen die Erkrankung nicht, aber sie können Belastungen verstärken und die emotionale Regulation zusätzlich erschweren.

Für den Alltag heißt das: Symptomverhalten zu verstehen bedeutet nicht, es zu entschuldigen. Aber ohne das Verstehen bleibt jede Reaktion darauf ein Stochern im Nebel.

Validierung in der Psychotherapie

Wenn eine junge Frau zum ersten Mal in meiner Praxis sitzt, hat sie ihre Geschichte oft schon vielen Menschen erzählt: Eltern, Freundinnen, manchmal Ärzten. Und häufig hat sie dabei vor allem Einordnungen bekommen. Was sie tun solle. Warum das alles halb so wild sei. Wie andere das gelöst haben.

In der Therapie beginnt etwas anderes. Ich versuche zunächst zu verstehen, nicht zu korrigieren. Was empfindet diese Patientin gerade? Was könnte das Gefühl ausgelöst haben? Welche Bedeutung hat die Situation in ihrer Geschichte? Ratschläge und Gegenargumente müssen in dieser Phase warten, auch wenn sie mir längst durch den Kopf gehen.

Das ist keine Nettigkeit und kein bloßer Einstieg. Validierung erfüllt eine präzise Funktion: Sie schafft Sicherheit, und erst in Sicherheit lässt sich ein Gefühl betrachten, statt es abzuwehren. Wer sich verteidigen muss, kann sich nicht erforschen.

„Sie haben erst mal nur genickt. Ich habe die ganze Zeit gewartet, dass das ‚Aber‘ kommt.“

Klientin, 19, aus der Einzeltherapie

Ein Satz trägt dabei besonders viel: „Ich verstehe dich.“ Er verlangt nicht, dass ich dasselbe fühle oder alles richtig finde. Er sagt nur: Dein Erleben ist bei mir angekommen, und es ergibt für mich Sinn. „Ich verstehe, dass du Angst hast.“ „Ich kann nachvollziehen, dass dich das verletzt.“ Erst danach, auf diesem Boden, haben Einordnung und Perspektivwechsel ihren Platz, auch die Frage nach Verantwortung und Veränderung.

In der DBT heißt diese Doppelbewegung dialektische Haltung: Akzeptanz und Veränderung sind keine Gegensätze, sie brauchen einander. Angenommen zu werden, wie man ist, und sich verändern zu wollen, schließt sich nicht aus.

Gefühle dürfen sein, Verhalten braucht Grenzen

Eine Mutter hat mir im Elterncoaching einmal vorgehalten, ich würde ihrer Tochter „alles durchgehen lassen“. Ich verstehe diesen Einwand gut. Hinter ihm steht eine Sorge, die fast alle Eltern psychisch belasteter junger Menschen kennen: Wenn ich Verständnis zeige, akzeptiere ich dann nicht automatisch ihr Verhalten?

Die Antwort ist ein klares Nein. Validierung richtet sich auf das Gefühl, nicht auf alles, was daraus folgt. Der Vorwurf der Mutter verwechselt beides, und diese Verwechslung kostet Familien viel Kraft.

Konkret kann das so aussehen: Ich kann die Prüfungsangst meiner Tochter ernst nehmen und trotzdem darauf bestehen, dass sie zur Schule geht. Ich kann ihre Wut verstehen, anschreien lassen muss ich mich deshalb aber nicht. Empathie und Klarheit schließen sich nicht aus. Ein Kind, auch ein fast erwachsenes, kann beides von denselben Eltern bekommen, oft sogar im selben Gespräch.

Wie Eltern präsent und zugleich klar bleiben können, beschreibe ich ausführlicher im Beitrag über die Neue Elternpräsenz nach Haim Omer. Und weil Validieren schwerfällt, solange die eigenen Gefühle überkochen, lohnt auch ein Blick in den Beitrag Auch Eltern kennen das.

Für den Familienalltag lässt sich daraus etwas Handhabbares ableiten. Nicht gleich reparieren oder widersprechen, sondern erst einmal hinhören und benennen, was gerade da ist. Neugierig bleiben, auch wenn das Gefühl übertrieben wirkt. Zwischen dem Gefühl und dem Verhalten unterscheiden. Und die eigene Grenze ruhig aussprechen, ohne dafür kleinzumachen, was das Gegenüber empfindet.

Das klingt einfacher, als es ist. In aufgeladenen Momenten greift fast jeder zuerst zu Beruhigung oder Ratschlag, ich nehme mich da nicht aus. Es geht auch nicht darum, immer richtig zu reagieren. Es reicht, wenn ein junger Mensch die Grunderfahrung macht: Mit dem, was ich fühle, stoße ich hier nicht auf Ablehnung.

Der vielleicht wichtigste Schritt: Selbstvalidierung

Auf lange Sicht zielt die Therapie auf etwas, das über die einzelne Stunde hinausreicht. Kein Mensch kann dauerhaft darauf angewiesen sein, dass andere ihm bestätigen: Dein Gefühl ist in Ordnung. Das Ziel ist, dass diese Stimme nach innen wandert.

Selbstvalidierung heißt, sich selbst sagen zu können: „Ich kann verstehen, warum ich mich gerade so fühle.“ Das ist kein Freibrief für jedes Verhalten, eher eine Grundhaltung sich selbst gegenüber. Aus der äußeren Spiegelung, die am Anfang jeder Entwicklung steht, wird allmählich eine innere Orientierung.

Gerade in Hannas Alter ist das ein bedeutsamer Schritt; von Ablösung und Identität war weiter oben schon die Rede. Starke Gefühle werden von Erwachsenen in dieser Zeit schnell als dramatisch oder unreif abgetan, was die Unsicherheit eher vergrößert. Wer dagegen lernt, die eigenen Gefühle ernst zu nehmen und zugleich einzuordnen, gewinnt ein Stück innerer Sicherheit, das bleibt. Bei Selbstwertproblemen, Ängsten und Scham ist diese Fähigkeit oft der Punkt, an dem sich etwas Grundsätzliches dreht.

Hanna hat dafür in der Therapie ein eigenes Wort gefunden. Wenn die Angst vor einer Prüfung kommt, sagt sie inzwischen manchmal zu sich selbst: „Klar bist du nervös. Es ist dir eben nicht egal.“ Ein kleiner Satz. Aber er stammt von ihr, und er stellt sich nicht mehr gegen sie.

Beziehung vor Korrektur

Zurück zum Abendessen vom Anfang. Was hätte Hannas Mutter anders machen können? Keine Therapie ersetzen, keine perfekte Antwort finden. Vielleicht nur einen Moment länger beim Gefühl bleiben: „Du schläfst schlecht und hast Angst, es nicht zu schaffen. Erzähl mal.“

Jeder Mensch braucht die Erfahrung, willkommen zu sein, gesehen zu werden und mit seinem Innersten nicht falsch zu sein. Das gilt in der Familie wie in der Therapie. Validierung ist am Ende weniger eine Technik als eine Form von Beziehung, und sie ist die Voraussetzung dafür, dass Veränderung überhaupt beginnen kann. Wer sich zuerst verstanden fühlt, kann anschließend selbst verstehen. In der Therapie erlebe ich diese Reihenfolge jede Woche, andersherum funktioniert sie nicht.

Ein Mensch muss also nicht erst „vernünftig“ werden, damit sein inneres Erleben einen Platz bekommt. Manchmal beginnt Veränderung genau dort, wo jemand zum ersten Mal erlebt: Was in mir geschieht, darf da sein. Und ich bin damit nicht allein.

„Ich muss dein Gefühl nicht teilen, um es ernst zu nehmen.“

Wissenschaftliche Grundlage

Quellen

  • Linehan, M. M.: Cognitive-Behavioral Treatment of Borderline Personality Disorder. Grundlagen der Dialektisch-Behavioralen Therapie (DBT), der biosozialen Theorie und des Validierungskonzepts.
  • Fonagy, P., Gergely, G., Jurist, E. L. & Target, M.: Affektregulierung, Mentalisierung und die Entwicklung des Selbst.
  • Shenk, C. E. & Fruzzetti, A. E. (2011). The Impact of Validating and Invalidating Responses on Emotional Reactivity. Journal of Social and Clinical Psychology.

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